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punktierte Linie

Mit oder
ohne?

Von Ingrid Müller | Eine vorsichtige Annäherung an die Debatte in Deutschland, ob das Bundesverfassungsgericht das Kopftuchverbot zurecht aufgehoben hat.

An Kopfbedeckungen scheiden sich oft die Geister. Aber wohl keine ist so sehr symbolbeladen wie das Kopftuch. Darf das Kopftuch verboten werden? Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat das Verbot des Verbots jetzt verboten.

Wenn eine Religion gewisse Kleiderordnungen einfordert, so sollten im Zuge der Religionsfreiheit alle Angehörigen dieser Religion das Recht haben, sich an diese Kleiderordnungen zu halten. Das ist eine Achtung der Grund- und Menschenrechte, die für alle Menschen universell, uneingeschränkt und unwiderruflich zu gelten haben. Gleichzeitig heißt das aber, dass diejenigen, die diese Rechte und Freiheiten für sich beanspruchen, auch anderen diese Rechte und Freiheiten einräumen müssen: Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Das beinhaltet auch die Entscheidung, ob jemand ein Kopftuch tragen möchte oder nicht, den Ramadan einhält oder nicht, am Sonntag in die Kirche geht oder nicht. Freie Entscheidungen sind zu respektieren — solange sie niemandem schaden. Oder jemanden indoktrinieren, missionieren, von einer ganz bestimmten Meinung überzeugen wollen. Diese Absichten ans Kopftuch zu knüpfen, ist zu kurz gedacht. Denn zum Missionieren — egal in welche Richtung — braucht niemand ein Kopftuch.

Dennoch ist das Kopftuch mehr als nur ein Stück Stoff. Es ist ein Symbol, ein Banner der (Un-)freiheit und (Un-)gleichheit der Religionen und Geschlechter. Es hat mehr Symbolkraft erlangt, als es eigentlich haben sollte. Trotzdem — oder gerade deshalb — ist der Entscheid aus Karlsruhe ein wichtiger Beitrag zur Entmystifizierung des Kopftuchs.

Der Bundesverfassungsgerichtshof hat das umstrittene Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen gekippt. Die Reaktionen sind kontrovers und reichen von verhaltener Zufriedenheit bis zu blankem Entsetzen — vor allem an so genannten Brennpunktschulen. Doch sie sind nötigenfalls ausgenommen: Ein Verbot ist nach Ansicht der Verfassungsrichter nur gerechtfertigt, wenn von dem Kopftuch eine „hinreichend konkrete Gefahr“ für den Schulfrieden oder die staatliche Neutralität ausgeht. Das könne etwa der Fall sein, wenn es an einer Schule grundlegende religiöse Konflikte gibt. Schwierig wird die Nutzung des Ermessensspielraums.

Es sollte um das gehen, was Lehrer und Lehrerinnen sagen, nicht darum, wie sie angezogen sind oder auftreten, sagte ein Kommentator in der ARD. Sicherlich. Aber dem optischen Eindruck eines Menschen kann sich niemand entziehen, schon gar nicht Kinder im Grundschulalter. Die Lehrkraft steht nicht nur als verbale Kommunikatorin, sondern als

Meinung

„Gesamtkunstwerk“ vor der Klasse.

Das gekippte Kopftuchverbot in Deutschland kann nicht mit dem Burkaverbot in Frankreich gleichgesetzt werden. Dieses sorgte ebenfalls jahrelang für hitzige Diskussionen und Dissens. In Frankreich ist aus Gründen der Sicherheit und eines friedlichen Zusammenlebens das öffentliche Tragen von Ganzkörper- und Gesichtsschleiern verboten. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Gültigkeit des Verbots bestätigt. Nicht davon betroffen ist jedoch das Kopftuch. Schließlich verhüllt es den Träger/die Trägerin nicht bis zur Unkenntlichkeit. Aber es verändert ihn.

Es gibt ja auch keine Gesetze oder Urteile des Obersten Gerichtshofes, die das Tragen von Bärten bzw. die Länge derselben untersagen oder sonstig reglementieren. Auch Bärte verändern den Träger (und auch die Trägerin).

Die Aufhebung des Kopftuchverbots ist einerseits ein Sieg für die Freiheit der Einzelnen — wobei diese Freiheit eher fragwürdig ist. Kopftuchträgerin aus reiner und freier Überzeugung sind sie alle, wenn man sie fragt.

Wertneutralen Unterricht gibt es nicht und kann es auch gar nicht geben. Wie sollte sich „wertneutral“ gestalten? Es muss ein prinzipieller Konsens über „richtig“ und „falsch“, ein allgemein gültiger Maßstab für „gut“ und „böse“ vorhanden sein. Dieser Konsens lässt sich als breit gefasster Humanismus und Pluralismus definieren, letztlich kann sich hierzulande niemand christlich basierten Werten entziehen. Auch dann nicht, wenn bisweilen mehr als die Hälfte der SchülerInnen einer Klasse einen nicht-christlichen Hintergrund haben. Dass das kulturelle Umfeld prägend und in vielen Situationen meinungsbildend ist, ist unausweichlich, wenn egal wer sich dazu entscheidet, egal in welchem Land zu leben. Liberaler Humanismus vermittelt Werte im Sinne von Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“.

Kopftücher gehören ins urbane Stadtbild des 21. Jahrhunderts ebenso wie ins rurale dörfliche Leben des 20. Jahrhunderts und früher. Das sollten wir nicht vergessen. Recht auf Freiheit, Recht auf Selbstbestimmung — Recht der Schulleitung, diskriminierungsfrei die pädagogisch und fachlich geeignetsten Lehrkräfte einzustellen. Das sollte ganz oben stehen.
Neulich fragte meine siebenjährige Tochter unsere Kopftuch tragende Nachbarin, ob sie das Tuch niemals abnähme. Die Antwort darauf war: „Das ist für mich genauso ein Kleidungsstück wie für dich dein Pullover.“ Schön, wenn es die Trägerin ehrlich so empfindet. Meine Tochter war damit zufrieden.