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Keine Macht
der Angst

Von Ingrid Müller | Berlin ist die Hauptstadt der Demos. Und der Gegendemos. Pegida kommt nicht vom Fleck. Buchstäblich.

In Berlin versammelten sich am Montag vor einer Woche 400 Demonstranten am Roten Rathaus zum ersten Bärgida-Spaziergang und wollten Richtung Brandenburger Tor ziehen. Aber die wenigen Anhänger von Bärgida kamen gar nicht so weit: Von Gegendemonstranten wurde eine Blockade errichtet, die abendländischen Patrioten konnten ihren Marsch nicht einmal beginnen. Laut Polizei 5000, laut Organisatoren mindestens 7500 Gegendemonstranten hinderten Bärgida am Vorwärtskommen. Diese Woche wiederholte sich die Szene.

Berlin ist anders. Berlin ist die Hauptstadt der Demos. Und Gegendemos. Und das ist gut so.

In Paris gingen als Manifest der Gemeinsamkeit am Sonntag 1,6 Millionen Menschen auf die Straße, darunter 50 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt. Der Marsch war ein Zeichen des Protests gegen den Angriff auf die Pressefreiheit, der am Mittwoch der vergangenen Woche zwölf Redaktionsmitglieder der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ das Leben gekostet hatte.

In solidarischem Schweigen marschierten neben Frankreichs Präsident Hollande der israelische Premier Netanyahu, der Palästinenserführer Abbas, die deutsche Bundeskanzlerin Merkel, EU-Ratspräsident Tusk, Italiens Ministerpräsident Renzi. Selten sieht man eine derart geeinte Front internationaler Politiker. Ein Manifest gegen die Angst.

Der Angst vor islamistischem Terror steigt wieder. Paris ist um die Ecke. Syrien ist weit. Von dort kommen nur die Flüchtlinge. Menschen, die manche hier nicht haben wollen. Menschen, die kaum einer kennt. Menschen, vor denen manche Menschen Angst haben. Menschen, die vor allem aber selbst Angst haben.

Deutschland bekennt sich mittlerweile dazu, ein Einwanderungsland zu sein. Dennoch: Die Angst vor dem Schreckgespenst der „Islamisierung“ wird nicht kleiner, ganz im Gegenteil.

Dabei belegen alle Zahlen, dass Deutschland die Einwanderung braucht. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigte vor kurzem, dass die deutschen Sozialkassen bemerkenswert von den 6,6 Millionen Ausländern, die in Deutschland leben, profitieren. Menschen ohne deutschen Pass zahlen in der Bundesrepublik deutlich mehr Steuern und Sozialbeiträge als sie vom Staat erhalten. Dadurch erzielt der Staat Milliardeneinnahmen. Im Jahr 2012 betrug der Überschuss 22 Milliarden Euro.

Meinung

Doch darum geht es nicht. Von Angst kann man sich nicht freikaufen.

Das Schreckgespenst der Islamisierung spukt weiter. Tatsächlich ist aber Deutschlands Einwanderung so europäisch wie schon lange nicht. 450.000 Menschen kamen 2013 nach Deutschland, die meisten aus Polen (70.000), gefolgt von Rumänien und Italien. Die Zahl der Syrer, die 2013 nach Deutschland kam, lag bei 17.000. Aufgrund des IS-Terrors stieg im ersten Halbjahr 2014 die Zahl bereits auf 26.000 an. Sicherlich. Aber auch unter ihnen sind viele Christen. Die wenigsten Flüchtlinge sind fundamental-islamischer Gesinnung oder von sich aus gewaltbereit. Von einer Islamisierung des Abendlandes kann keine Rede sein.

Die „Patriotischen Eurioäpäer gegen die Islamisierung des Abendlands“ sind dort am stärksten, wo der Anteil von Ausländern am geringsten ist. Das Gefährliche an Pegida ist die Angst, die die Anhänger treibt — die Angst vor dem Unbekannten. Angst lässt sich nicht wegrechnen.

Pegida behauptet: „Wir sind das Volk“. Stimmt aber nicht. Sie nutzen den Slogan der DDR-Bürger kurz vor Maueröffnung, kopieren die Idee der Montagsdemonstrationen, die in Leipzig ihren Anfang nahmen, sich auf viele weitere Städte ausbreiteten und zur friedlichen Revolution von 1989 führten. Aufbruchstimmung. Ausbruchstimmung. Auf zu neuen Ufern, zu Freiheit und Demokratie. Angst spielte damals keine Rolle. Pegida instrumentalisiert die Idee der Montagskundgebungen und versucht — ganz anders als vor 25 Jahren — Angst vor dem Unbekannten zu machen. Und am schlimmsten ist: Menschenrechte, Menschenwürde wird nur einigen zuerkannt. Das schmerzt. Das macht Angst.

Der tragische Anschlag auf „Charlie Hebdo“ schürt diese Angst noch mehr. Innenminister de Maizière (CDU) findet harte Worte gegen Pegida, Justizminister Heiko Maaß (SPD) fordert alle Parteien auf, sich klar von den Protesten zu distanzieren, CSU-Chef Seehofer fordert eine Absage der Pegida-Demonstrationen.

In Dresden demonstrierten vor einigen Tagen 35.000 Menschen ihre Solidarität mit den Opfern von Charlie Hebdo — und bekannten sich klar zu Toleranz. Solidarität manifestiert sich auch unter #lovestorm und bildete eine zehn Meter lange Mauer der grenzenlosen Freundschaft. Ein Zeichen „Für Dresden, für Sachsen — für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog im Miteinander“. Eine Selfie-Aktion für grenzenloses Miteinander. Mit dir (hier zu finden). Gegen Pegida.