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Ha, Schurke:
Die Maut kommt!

Von Ingrid Müller | Deutschland wird ab 2016 Autos eine kleben. Die EU reagiert verärgert.

Wer das riesige deutsche Autobahnnetz kennt — und wer kennt es nicht? —, der mag sich wundern, dass man hier noch immer gratis fahren darf und auf weiten Teilen sogar schneller, als es die Polizei überall sonst erlaubt. Eigentlich merkwürdig, dass sich der deutsche Fiskus so viele potenzielle Einnahmen entgehen lässt. Aber nur noch bis 2016.

Ha, Schurke! Vignettenman grinst garantiert über beide Ohren. Ruhig geworden ist es um ihn in der Alpenrepublik. Das Pickerl pickt, Anlässe zum Ärgern gibt’s noch immer genug. Na, Schurke? Geht’s auf Dienstfahrt, vielleicht in die Bundesrepublik? Neben Deutschland sind unter anderem noch Andorra, Liechtenstein, Luxemburg und Estland mautfrei. Sie werden’s wahrscheinlich auch bleiben.

Am weitesten verbreitet als Methode zum Kassieren der Fernstraßennutzungsgebühr ist die Vignette, die „Flatrate“, wie das Pickerl in Österreich seit 1997. Tja, Schurke. Wir haben dich gebraucht dafür. Dank dir haben wir Ösis die Einführung des Pickerls ohne Trauma überstanden. Die Deutschen wissen meistens nicht einmal, was ein Pickerl ist. Oder was es mit dem Picken so alles auf sich haben kann. Haha, Schurke! Ohne Furcht und Hirn. Magst den Nachbarn mal eine picken?

Eigentlich sollte nur von den — aus deutscher Sicht — Ausländern abkassiert werden, der deutsche Autofahrer aber nicht belastet werden. Das widerspricht jedoch dem Diskriminierungsverbot der EU. Schurke! Das mussten wir Ösis gleich nach dem Beitritt zur Staatengemeinschaft lernen, dass es in Europa nicht rechtens ist, dass Einheimische qua Privileg der Scholle am Lift weniger zahlen als von weither angereiste Winter- (und auch Sommer-)Touristen. Und seither gibt es dementsprechend auch keine Einheimischentarife mehr. (Zumindest redet man nicht darüber. Zumindest nicht laut und nicht mit den Falschen. Aber das ist eine andere Geschichte.) Fakt ist auf jeden Fall, dass laut EU-Recht alle gleich viel bezahlen sollen, wenn sie fahren wollen. Am Lift und auf der Straße.

Mit der Salamitaktik, dass einheimische Autofahrer, also in diesem Fall diejenigen, die ein deutsches Nummerntaferl haben und ihre Kfz-Steuer in Deutschland zahlen, durch eine Gegenverrechnung mit der Steuer kostenlos fahren sollen, zumindest am Anfang, zumindest ein bisschen, versuchte man, die Maut mundgerecht zu verhackstücken. Und hat es Schwarz auf Weiß in den Koalitionsvertrag geschrieben. Das pickt. Wie die Vignette.

Meinung

Der Autofahrerklub ADAC hat natürlich unzählig viele Argumente gegen die Maut im Gesamten und die Vignette im Besonderen. Allesamt haben sie auch Hand und Fuß. Dennoch: die Bundesrepublik verfügt über rund 40.000 Kilometer Bundesstraßen und fast 13.000 Autobahnkilometer, eines der längsten und dichtesten Autobahnsysteme weltweit. (Die weltweit erste Autobahn war die 1921 eröffnete Avus im Berliner Grunewald. Aber auch das ist eine andere Geschichte.) In diesem riesigen System zeitnah ein entfernungsabhängiges Bezahlsystem einzuführen wie in Italien, ist unwirtschaftlich. In diesem riesigen System eine Maut einzuführen, die über GPS und On-Board-Units läuft, führt zu Datenspuren, über die jedes teilnehmende Fahrzeug jederzeit lokalisiert werden kann. Pfui, Schurke. Das ist Datenklau.

Straßen zu bauen und zu erhalten, kostet Zeit und Geld. Das riesige System flächendeckend zu pflegen, liegt im Interesse aller, die es nutzen wollen. Eine gewaltige Aufgabe. An vielen Stellen ist das System aber mehr als marode. So beispielsweise die A1 im Bereich der Rheinbrücke Leverkusen, die aufgrund ihres schlechten baulichen Zustands nicht mehr von Lkw befahren werden darf. Lastwagen zahlen schon Maut auf Deutschlands Autobahnen. Seit 2005. Können sie dann 2014 erwarten, die Straßen auch nutzen zu können? Haha, Schurke. Gut Ding braucht halt Weile.

Brüssel schmeckt die Maut nicht, Brüssel ist sauer. Entweder zahlen alle gleich viel — oder sie zahlen eben nicht, egal, welche Farbe das Taferl hat. Laut derzeitigem Entwurf zahlen Ausländer 10 Euro für 10 Tage oder 22 Euro für einen Monat. Nur für Autobahnen. Wer eine deutsche Nummerntafel hat, muss auch für die Nutzung von Bundesfernstraßen bezahlen, nämlich zwischen 24 und 120 Euro im Jahr, abhängig von der Größe und Umweltfreundlichkeit des Autos. Außerdem wird man über die Kfz-Steuer wieder entsprechend entlastet. Zumindest am Anfang. Das heißt also, dass gleiche Autos gleich viel bezahlen. Wenn das Taferl die gleiche Farbe hat. Oha, Schurke. Alles ist relativ.

Wie dem auch sei: Die Maut kommt. Sie steht nicht nur im Koalitionsvertrag, sie ist jetzt auch beschlossene Sache. Die Vignette wird kleben. Ab 2016. Die Details wackeln noch.

Schurke! Hier ist dein Einsatz gefragt: In Österreich getestet und erprobt bis zur Volljährigkeit, könntest du jetzt mal in Deutschland eine picken — eine Vignette natürlich.