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punktierte Linie

Moin moin. Yalla CSU. Grüß Gott
in Bayern.

Von Ingrid Müller | Berlin spricht viele Sprachen. Aber nicht überall versteht man sich. Und nicht einmal die CDU versteht die CSU und deren Deutsch-Fixierung.

Dass ausgerechnet die CSU in einem Leitantrag zu ihrem Parteitag fordert, Zuwanderer sollten auch in der Familie „deutsch“ sprechen, ist so grotesk, dass es fast schon wieder lustig ist. Die Kraft des Absurden hebt die Mundwinkel. In Berlin und anderswo.

Ausgerechnet die CSU spuckt von der anderen Seite des Weißwurst-Äquators solche Töne, die selbst in der Schwesterpartei CDU für Kopfschütteln sorgen. Denn Bayerisch sorgt in Berlin für mindestens genauso breites Grinsen wie „Österreichisch“. Jo mei. Behüt‘ Euch Gott, liebe Bayern. Und sorge er dafür, dass ihr zu Hause nur noch hochdeutsch sprecht. Pfiat‘s eich, Brez’n und Obazda. Guten Tag, Teigkringel und Angemachter. Prost, Mahlzeit.

Einmal ganz abgesehen davon, dass der Vorstoß einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht darstellt und damit verfassungsrechtlich bedenklich ist. Zu Hause kann jeder sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das zwitschern nicht nur die Spatzen von den Dächern, sondern auch Peter Tauber, der Generalsekretär der Unions-Schwester CDU, auf Twitter: „Ich finde ja, es geht die Politik nichts an, ob ich zu Hause lateinisch, klingonisch oder hessisch rede.“ So ist es. #YallaCSU

Abgesehen auch davon, dass Deutschkenntnisse absolut notwendig und nicht nur hilfreich sind, wenn jemand dauerhaft in Deutschland leben möchte. Das wird in dieser Diskussion nicht in Abrede gestellt. Selbst der früher als konservative Hardliner bekannte CSU-Vize Peter Gauweiler findet, zu Hause solle er jeder sprechen, wie er möchte. Der bayerische Vorstoß für die deutsche Sprache zieht Kreise nicht nur in deutschsprachigen Medien, sondern u.a. auch in der New York Times und in der Jerusalem Post. Und erinnert an Zeiten, die man lieber schon lange vergessen hätte, und Länder, in denen man lieber nicht leben wollte.

Und schließlich auch abgesehen davon, dass es

Meinung

sprachwissenschaftlich längst erwiesen ist: Eltern sollen mit ihren Kindern jene Sprache sprechen, die sie selbst am besten beherrschen. Denn das ist die beste Sprachförderung. Die korrekte Beherrschung der Muttersprache hilft beim Erwerb weiterer Sprachen. Mehrere sprachliche Bezugspunkte helfen, zwischen den Kulturen zu pendeln.

Sprache ist identitätsstiftend. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenze meiner Welt“, wusste der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Zusätzlich zur Muttersprache eine weitere Sprache zu lernen, ist eine Bereicherung. Den Horizont des Denkens zu erweitern, ist ein Allheilmittel gegen Engstirnigkeit. Am Ende aber weder das Deutsche, noch eine abweichende Mutter- oder Vatersprache korrekt zu beherrschen, führt in eine soziale Sackgasse.

Sprache lernt man von Sprechen. Und nicht alle sprechen miteinander, egal, ob auf Deutsch, Bayerisch, Tirolerisch, Türkisch, Polnisch, Englisch. Und nicht alle sind in der Lage, ihre Muttersprache korrekt zu gebrauchen, ebenfalls egal, ob auf Deutsch, Bayerisch, Tirolerisch, Türkisch, Polnisch oder Englisch.

Sprachförderung brauchen auch viele Kinder, deren Eltern Deutsche sind und die zu Hause nur Deutsch sprechen — wenn sie denn miteinander sprechen. Eine Sprache zu erlernen, ist eine Frage der Bildung, der Entwicklung einer kognitiven und sozialen Fähigkeit. Es geht um die kommunikative Vermittlung von Sachverhalten, Emotionen und um das Teilen von Empathie, nicht nur um den mechanischen Gebrauch von Grammatikregeln.

Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod, zumindest im Deutschen. Die Sprachlosigkeit aber ist das Ende jeder Sprache und damit der Tod von sozialem Handeln.

Berlin, ick liebe dir. Und esse trotzdem weiter Topfengolatschen und rede darüber, auch wenn ich sie in Berlin nur als „Quarkplunder“ kaufen kann.