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punktierte Linie

Bunt ist das
neue Grau

Von Ingrid Müller | Von Frauen- und anderen Quoten.

Durch die deutschen Medien geistert seit Wochen — mal wieder — die Frauenquote. Aber jetzt wird’s ernst, Berlin, so scheint’s, verordnet dem Rest der Republik, wer eingestellt zu werden hat, und zwar nur kraft Geschlecht.

Stimmt aber nicht.

Zu den Fakten. Auch wenn Kritiker (wohlgemerkt, KritikER, ohne Binnen-I) den Befürworterinnen (auch hier, kein Binnen-I, mit Absicht) Weinerlichkeit vorwerfen: Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder hat sich Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) gegenüber mehr als nur im Ton vergriffen. Kanzlerin Merkel entschuldigt sich bei Schwesig für den Fehltritt, der ihr sichtlich peinlich ist. Der Widerstand der Union, wenn auch hartnäckig, war letztlich nicht hart genug. Kann Kauder sich nicht selbst entschuldigen? Offenbar können sich manche Männer in der CDU/CSU noch immer nicht daran gewöhnen, dass an manchen Stellen eine Frau das Sagen hat. Kauders Macho-Spruch war von vorgestern. Die Frauenquote kommt. Übernächstes Jahr.
Nur weil Berlin anders ist und die armen CDU/CSU-Männer mitunter ein Problem mit der weiblichen Führung haben, will ich jetzt ganz bestimmt nicht nach einer Männerquote für das schwächere starke Geschlecht schreien.

Ich will auch nicht über die Kinderbetreuung jammern, die andernorts fehlt. Hier gibt es sie. Oder das mangelnde gesellschaftliche Ansehen der „Working Mom“. Hier wird sie kaum als Rabenmutter bezeichnet.

Berlin ist emanzipiert. Zumindest im Vergleich zu anderen Ländern.

Berufstätige Eltern (beide!) sind Realität, die Notwendigkeiten der Kinderbetreuung in Berlin und rundherum ebenfalls ziemlich realitätsnah an den Bedürfnissen orientiert. Familien, die auf mindestens anderthalb Gehälter angewiesen sind, um leben zu können und die monatliche Miete zu bezahlen (auch wenn diese im Vergleich zu München, Köln oder Innsbruck immer noch relativ erschwinglich ausfällt), sind in der überwältigenden Mehrzahl. Familien, deren großfamiliäre Infrastruktur entweder ohnedies geographisch vorhanden oder im Sinne der Familienzusammenführung auch nur einige Stadtbezirke weit hinterher gepilgert und auch noch zeitlich verfügbar ist, um das liebevolle Umsorgen des Nachwuchses zu übernehmen, sind in der eindeutigen Minderzahl.

Nein. Auch darüber will ich nicht lamentieren, denn diese Familien sind es nicht, die von einer Frauenquote direkt profitieren können. Der Nutzen einer Frauenquote für eben genau diejenigen Doppelverdienerfamilien kommt wahrscheinlich — hoffentlich? — ihren Kindern zugute. Chancengleichheit braucht Zeit.

Zunächst nämlich gilt die gesetzliche Frauenquote

Meinung

nur für Aufsichtsratsposten in voll mitbestimmungspflichtigen und börsennotierten Unternehmen. Sie ist ein weiterer Schritt, den Aufsichtsratstypus „weiße Hautfarbe, männliches Geschlecht, deutsche Herkunft, über 60, Wirtschaftswissenschaftler, Anzugfarbe: grau“ aufzuweichen.

Und die Quote verlangt lediglich, dass ein Drittel der Positionen von Frauen besetzt wird. Das entspricht dem Frauenanteil in der Bevölkerung nicht.

Bei Dax-Unternehmen sind bereits 25 Prozent des Vorstands weiblich. Einige wenige haben die Quote bereits übererfüllt. Bundesunternehmen hinken hinterher. Der Anteil der Aufsichtsräte und Aufsichtsrätinnen an der Gesamtbevölkerung ist aber nicht wirklich repräsentativ.

Frauen verdienen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 2013 im Schnitt um 22 Prozent weniger als Männer. Der Unterschied unterscheidet sich je nach Branche und Betriebsgröße. Wegrechnen lässt er sich aber nirgends. Frauen verdienen weniger als Männer.

Auch wenn die Entgeltgleichheit gesetzlich vorgeschrieben ist: Realität ist sie nicht.

Auch wenn die Frauenquote gesetzlich vorgeschrieben wird: Sie gibt keine Garantie für eine Nivellierung der Entgeltlücke und hat damit bestenfalls indirekt zu tun.

Trotzdem: Her mit der Quote.

Die Gesellschaft wandelt sich nicht so schnell wie die Bedürfnisse derselben. Gesellschaftlicher Wandel kann nur dort bewirkt werden, wo Entscheidungen getroffen werden, und nur von denjenigen, die die Entscheidungen auch treffen. Das soll damit nicht heißen, dass Frauen automatisch die besseren Führungskräfte sind. Sie sind potenziell ebenso gut wie bzw. besser als Männer, Menschen anderer Herkunft oder Hautfarbe. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Ansichten und Prioritätensetzungen. Schwarz-weiß ist spannender als eintönig grau, aber die Devise sollte bunt sein. In der Vorstandsetage ebenso wie in der Ganztagskita.

Her mit der Frauenquote. Der nächste Schritt muss aber heißen: her mit der Diversity-Quote. Rund 50 Prozenz der in Deutschland lebenden Menschen sind Frauen, rund 20 Prozent haben einen „Migrationshintergrund“, alle haben irgendwelche Macken, sind zu alt, zu jung, zu dick, zu dünn oder haben eine Nase, die zu schief oder zu krumm oder sonst irgendwie unpassend ist.

Her mit der Quote. Bunt ist das neue Grau.

Berlin ist bunt. Und wird noch bunter. Hoffentlich. Irgendwann. 2016? Ein erster Farbklecks wird es sein.