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Momentaufnahme. Bestandsaufnahme.

Von Ingrid Müller | Berlin ist arm, aber sexy. Berlin ist anders. Und das ist auch gut so: Die Mauer ist schon lange weg, kein Berg verstellt die Sicht auf den Rest der Welt.

Berlin, 25 Jahre nach dem Mauerfall, ein grauer Novembertag. Die Trabis tuckern mit ihren sprotzenden Zweitaktern nur noch für die Touristen durch den Bezirk, der Mitte heißt, aber früher mal im Ostteil der Stadt lag, in der „Zone“ hinter der Mauer. Der Duft der Kohleheizungen hat sich in den letzten Jahren immer mehr verzogen. Der einst getrennte S-Bahn-Ring ist längst geschlossen. Und wenn nicht gerade gestreikt wird, die absolute Hitzewelle herrscht, die Weichen eingefroren sind oder die Kabel geklaut wurden, dann fährt die S-Bahn sogar. Rundherum, in beide Richtungen. Also eigentlich fast immer. Verlässlich. Außer wenn man sich darauf verlassen muss, denn dann ist man oft verlassen.

Die Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden wird von der gewaltigen Baustelle der U55, der „Kanzler-U-Bahn“, dominiert. Gebaut wird immerhin seit 1995, 2009 wurde das Teilstück zwischen Brandenburger Tor und Bundeskanzleramt eröffnet. Der Lückenschluss zwischen Alexanderplatz und Kanzleramt ist für 2017 geplant. Mal kieken, ob dit klappt, wa? In der Hauptstadt der Republik der Pünktlichkeit nimmt man das nicht immer so genau. Schließlich eignen sich U-Bahn-Baustellen auch als Partylocation und Filmdrehort, für Ausstellungen und sogar auch Operninszenierungen, wenn dem Senat zwischendurch das Geld für den Weiterbau fehlt.

Wo vor 25 Jahren eine große Weite herrschte, wachsen heute zwischen Potsdamer und Leipziger Platz immer noch neue Bürohäuser und

Meinung

Einkaufszentren in die Luft. Die jüngste Neueröffnung: „Mall of Berlin.“ Kommse rin, könnse rauskieken. Hier stand einst das Traditionshaus Wertheim. Heute findet man hier eines von vielen austauschbaren Zentren mit dem üblichen Spektrum von Aldi bis Zara. Mit dem perfekten Rundumblick vom Trümmerhaufen Teufelsberg bis zu den Wolkenkratzern von Marzahn. Schöne Aussichten.

Der Spatenstich für den Flughafen Berlin-Brandenburg International alias BER erfolgte 2006, der Flughafenumzug war bereits für 2012 akribisch und auf die Minute genau durchgeplant und ist doch bis heute nicht vollzogen. Man stellte fest – immerhin gerade noch rechtzeitig – dass der Brandschutz ja gar nicht ausreicht. Die Kapazität übrigens auch nicht. Es wird also weitergebaut, umgebaut, dazugebaut. Oder auch nicht? Die Kosten steigen auf jeden Fall. Unüberschaubarer als der Baufortschritt. Mit ein bisschen Glück – wenn nicht gerade die Piloten streiken – geht’s vom benachbarten, ehemals Ost-Berliner Flughafen Schönefeld in die Luft. Oder vom vielgeliebten West-Berliner Tegel. Auf dem Flugfeld von Tempelhof dominieren Lenkdrachen und Kitesurfer anstelle von Turboprops und Rosinenbombern. Ja, Berlin. Hier kann man gut in die Luft gehen. Mit und ohne Flugzeug.

Berlin ist anders, Berlin ist einzigartig.
Berlin ist ein Dorf, ist die Hauptstadt Deutschlands und ist doch nicht Deutschland.
Berlin ist Leben. Und das ist gut so.