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Trotz „Nein“: Aufwind für Südtiroler

Von Manfred Schiechtl | Die Schotten haben abgestimmt. 55 zu 45 Prozent – es kommt nicht zur Unabhängigkeit. Aufmerksam beobachtet wurde das Votum u.a. auch in Südtirol. Bedeutet das schottische Ergebnis nun Gegen- oder Aufwind für andere europäische Sezessionsbestrebungen?

„Es ist wahrscheinlich, dass viele euphorische Nationalisten im letzten Moment doch noch umschwenken – so wie dies mehrmals in Québec passiert ist. Die Wähler verlässt der Mut, wenn sie in der Wahlkabine stehen.“ Dr. Helmut Weber, Professor für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialstrukturen Großbritanniens, sagte vor wenigen Tagen in einem Interview für das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ voraus, was dann am 18. September 2014 eintreffen sollte: Bei der Unabhängigkeits-Abstimmung Schottlands setzten sich jene klar durch, die für den Verbleib bei England stimmten. Eine rund 400 Jahre bestehende Zwangsehe * bleibt also weiter bestehen.

Die Auswirkungen dieses Votums sind weit über die Grenzen Großbritanniens von Bedeutung. Vor allem die spanische, belgische und die italienische Regierung wird aufatmen. Nichts auszudenken, was ein Pro-Unabhängigkeits-Votum in Schottland u.a. für Katalonien, Flandern, Pandanien und auch Südtirol bedeutet hätte. Die dortigen Sezessions-Bestrebungen hätten einen ungemeinen Aufwind erhalten. Das nunmehrige schottische Ergebnis sorgt jetzt allerdings für starken Gegenwind, alle Ambitionen betreffend (siehe dazu auch den Kommentar „Wiedervereinigung oder etwa gar Republik Tirol?“, hier zu finden).

Interessierter Beobachter vor Ort in Edinburgh war während der Abstimmung eine sechsköpfige Delegation des Südtiroler Schützenbundes unter der Führung von Landeskommandant Elmar Thaler (siehe Foto unten). Die Südtiroler hatten Beobachterstatus in der Hauptwählerstelle und versorgten die Daheimgebliebenen rund um die

Meinung

Uhr mit Informationen. In Südtirol wurde die schottische Abstimmung von vielen Menschen äußerst aufmerksam verfolgt. Die Enttäuschung bei eingefleischten Sezessions-Anhängern kann man sich vorstellen.

Doch wer nun glaubt, dass mit diesem Votum zwangsläufig endgültige Ruhe einkehren wird, der täuscht sich. Weder in Katalonien, noch in Südtirol noch in Schottland. Bestes Beispiel dafür ist ein anderer Sezessions-Brennpunkt. In Kanada sind die Separations-Bestrebungen der Provinz Quebec  (bis 1763 Neufrankreich) sehr gut vergleichbar mit der schottischen Situation. 1980 wurde dort ein Unabhängigkeits-Referendum durchgeführt, das ähnlich klar wie nun jenes in Schottland für einen Verbleib der Provinz Quebec bei Kanada endete. Doch die Sezessions-Bestrebungen wurden dadurch keineswegs ein für alle mal beendet. 15 Jahre später wurde ein neuerliches Referendum abgehalten. Und 1995 endete das zweite Votum  denkbar knapp. 50,58 Prozent Nein-Stimmen standen 49,42 Prozent Ja-Stimmen gegenüber. Doch beide Referenden brachten den Quebecern äußerst weitreichende Zugeständnisse der Zentralregierung. Wie sie nun auch die Schotten erhalten werden. Was letztlich – trotz Abstimmungs-Niederlagen – als großer Erfolg für diese Initiativen zu werten ist.

Gestärkt wird durch die schottische Abstimmung, trotz negativem Verlauf aus Sicht der Unabhängigkeits-Anhänger, bei künftigen Gesprächen zwischen Rom und Bozen die Verhandlungsbasis von Südtirol, das ja bereits heute mit weitgehenden Befugnissen in der Gesetzgebung ausgestattet und von der italienischen Verfassung als autonome Region mit besonderem Statut anerkannt ist. Das schottische Referendum wird immer wie ein Damokles-Schwert über Zentralregierungen – ob nun in Italien, Spanien oder Belgien – schweben, wenn es um Belange von Minderheiten geht. Am Ende also doch Aufwind, wenn auch in ganz anderer Form.

*) Das Königreich Schottland  und das Königreich England wurden ab 1603 in Personalunion regiert. 1707 wurden die beiden Staaten zum Königreich Großbritannien vereinigt.
Südtiroler Schützenbund in Edinburgh
Foto: www.schutzen.com