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punktierte Linie

Wiedervereinigung oder etwa gar Republik Tirol?

Von Manfred Schiechtl | Die Wiedervereinigung der Krim mit Russland bestimmte zuletzt die Weltpolitik. Im Herbst stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Und Tirol?

Im Herbst stimmt die Bevölkerung in Schottland über die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich ab. Je nach Ausgang des Referendums im September könnte also bald ein neuer Staat in Europa geboren werden. Besonders aufmerksam verfolgt wird dieses Geschehen von vielen Tirolern, vor allem in Südtirol. Immerhin zählt Tirol zu insgesamt sieben europäischen Regionen, in denen es separatistische Bewegungen gibt. Für einen Großteil der Tiroler Bevölkerung ist es derzeit unvorstellbar, dass sich am Status quo jemals etwas ändern wird. Gleiches glaubte aber auch die deutsche Bevölkerung – bis hin zum Tag der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989, die den endgültigen Zerfall der DDR bewirkte.

Vor genau 75 Jahren, im Mai 1939, erkannten Benito Mussolini und Adolf Hitler in einem Pakt „die gemeinsame, für alle Zeiten festgelegte Grenze zwischen Deutschland und Italien“ an, also auch jene zwischen Tirol und Südtirol. Heute, 95 Jahre nach der Abspaltung der südlichen Tiroler Landesteile von Österreich als Resultat des Ersten Weltkrieges, gilt für viele diese Teilung immer noch als in Stein gemeißelt. Und Stein gibt es genug in Tirol – doch jeder weiß, dass Stein mitunter auch bröckeln kann.

Bröckelnder Stein in der Südtirol-Frage wäre einem Bergsturz mit europäischer Dimension gleichzusetzen. Ob es dazu kommt, ist offen. Aber eines ist absehbar: Im Fahrwasser des schottischen Referendums werden sezessionistische Tendenzen in Südtirol (los von Italien) wieder aufleben und zu einem zentralen Thema in der Politik und in der Bevölkerung (beidseits des Brenners) in der nahen Zukunft werden. Vor allem, wenn das schottische Referendum mit einem „Ja“ enden sollte (was Umfragen derzeit nicht nahelegen). Sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, ist also für jeden Tiroler ein kluger Entschluss.

„Wir sind angetreten, um die Tiroler Landesteile zusammenzuführen.“ Elmar Thaler, im April bei der Neuwahl der Bundesleitung des Südtiroler Schützenbundes mit 152 von 163 Stimmen klar als Kommandant des SSB bestätigt, setzt sich zum Ziel, was auch heute noch der Wunsch von nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung nördlich und südlich des Brenners ist. Fritz Tiefenthaler, Tirols Schützenkommandant, in einem Zauberfuchs-Interview: „Wie auch immer das irgendwann ausgehen wird: Ich denke, es geht gar nicht so sehr um konkrete Ausformungen wie einen Freistaat oder die Vollautonomie, sondern darum, die Möglichkeiten der Zusammenarbeit im Rahmen der Europäischen Union optimal zu nützen.“ Doch was würde eine Sezession Südtirols (mit anschließender Wiedervereinigung mit Nord- und Osttirol) überhaupt bedeuten?

Es gibt im Grunde zwei Möglichkeiten, wenn auch in diesem Zusammenhang fast ausschließlich von einer Wiedervereinigung Südtirols mit Tirol, also Österreich, nach dem Muster der deutschen Wiedervereinigung gesprochen wird. Eine weitere Variante wäre die Rückkehr zu den Tiroler Wurzeln in das Jahr 1363, als die Gefürstete Grafschaft Tirol (entspricht in etwa der heutigen Europaregion) an die Habsburger ging. Also ein eigenständiger Staat, eine Republik Tirol sozusagen.

Doch welche Initialzündung könnte eine derartige Lawine überhaupt lostreten? Die offizielle Politik sowohl in Österreich, als auch in Nord- und in

Meinung

Südtirol wird sich in der Südtirol-Frage die Finger nicht verbrennen. Kann ein potenzieller Auslöser aus Italien kommen? Im März dieses Jahres fand in der italienischen Region Venetien eine Online-Abstimmung für die Loslösung der Region von Italien und die Gründung eines eigenen Staates statt. Die Frage hatte gelautet: „Willst du, dass die Region Venetien eine unabhängige und souveräne Republik wird?” Diese Frage beantworteten 89 Prozent der mehr als zwei Millionen Teilnehmer der Online-Abstimmung plebiscito.eu mit „Ja”. Die Wahlbeteiligung lag bei erstaunlichen 63 Prozent. Separatistische Tendenzen sind in Italien allgegenwärtig. Der ehemalige Chef von Italiens rechtspopulistischer Partei Lega Nord, Umberto Bossi, ist seit 25 Jahren Verfechter einer Auflösung des italienischen Staates in seiner heutigen Form. Angesichts der Schuldenkrise in Italien meinte er zuletzt 2011: „Jeder hat begriffen, dass Italien zugrunde geht, daher müssen wir an einer Alternative arbeiten: Padanien“. Damit meint er einen norditalienischen Staat, losgelöst vom Süden.

Separatistische Tendenzen gibt es in Südtirol seit der Unterzeichnung des Vertrags von Saint-Germain am 10. September 1919. Dieser Vertrag legt die Staatsgrenzen der Republik Österreich völkerrechtlich fest. Südtirol wurde, dem Geheimabkommen Englands, Frankreichs und Russlands mit Italien von 1915 – auch Londoner Vertrag  genannt – entsprechend, Italien zugesprochen. Das österreichische Parlament ratifizierte den Vertrag am 21. Oktober 1919, völkerrechtlich trat er am 16. Juli 1920 in Kraft. Daraufhin erfolgte am 10. Oktober 1920 auch formal die Annexion Südtirols durch Italien.

Separatismus ist weltweit stark im Zunehmen begriffen. Vor allem in der Europäischen Union, die sich u.a. die Überwindung der Nationalstaaten auf ihre Fahnen geheftet hat und mit dem politischen Konzept „Europa der Regionen“ die Regionen in den EU-Mitgliedsländern fördern und in ihrer Eigenständigkeit unterstützen will. Die 1998 gegründete Europa-Region Tirol-Südtirol-Trentino  ist ein perfektes Beispiel dafür. Sie erstreckt sich laut Wikipedia auf einer Fläche von 26.254 Quadratkilometern und zählt knapp 1,6 Millionen Einwohner. Das Bruttoinlandsprodukt beträgt ca. 49 Milliarden Euro (beinahe exakt jenes von Slowenien).

In nicht weniger als sieben Regionen in der Europäischen Union gibt es derzeit Bestrebungen einer Sezession , also die Loslösung einzelner Landesteile aus einem bestehenden Staat mit dem Ziel, einen neuen souveränen Staat zu bilden. Das bekannteste Beispiel ist Schottland, wo am 18. September 2014 ein Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands mit der möglichen Folge eines Austritt aus dem Vereinigten Königreich abgehalten wird. Zu diesen sieben Regionen zählen neben Schottland auch Katalonien und das Baskenland in Spanien, Südtirol und Venetien in Italien sowie Flandern in Belgien. Auch in der Bretagne in Frankreich gibt es politische Parteien, die eine Sezession anstreben. Dazu kommen noch Grönland, das in naher Zukunft die Unabhängigkeit von Dänemark erklären möchte, und die Republika Srpska. Sie strebt die Unabhängigkeit von Bosnien und Herzegowina an.

Das jüngste Beispiel einer durchgeführten Sezession ist die Abspaltung des Südsudan vom Sudan, die nach einem erfolgreichen Unabhängigkeitsreferendum am 9. Juli 2011 erklärt wurde. Wenn auch alles andere als friktionsfrei. Seit dem 14. Juli 2011 ist der Südsudan der 193. Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen.

Und wer wird der 194. Mitgliedsstaat der UNO?