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Ich habe ein Abo auf Weihnachtssterne

Von Manfred Schiechtl | Der Weihnachtsstern ist für mich die raffinierteste aller Pflanzen.

Wenn Pflanzen intelligent wären und denken könnten, dann wäre für mich der Weihnachtsstern der raffinierteste aller Vertreter aus der Pflanzenwelt. Jedenfalls was die Entwicklung einer absolut genialen Überlebensstrategie betrifft. Das habe ich mir heute Vormittag nicht zum ersten Mal gedacht, als ich ein Innsbrucker Kaffeehaus besucht habe. An jedem einzelnen Tisch stand ein Topf mit einem Vertreter der Gattung „Euphorbia pulcherrima“. Der lateinische Begriff war mir nicht bekannt, den habe ich nachgeschlagen. Was mir allerdings schlagartig bekannt war, mit der ersten Sichtung eines Weihnachtssterns vor zwei Wochen – der Weihnachtsrummel hat begonnen. Das musste ich jedenfalls nicht mehr im Kalender nachschlagen.

Der Weihnachtsstern ist das schmückende Synonym für die Vorweihnachtszeit, solange ich zurückdenken kann. Um den Fortbestand der Pflanze braucht man sich keine Sorgen zu machen, dafür sorgt schon der Mensch. Alljährlich wird der Vorbote des Frohen Festes in riesigen Stückzahlen vermehrt und als optischer Aufputz verteilt. Doch es schwingt auch jede Menge Ironie mit, wenn man bedenkt, dass der Weihnachtsstern eigentlich giftig ist. Der milchartige Saft führt bei Kontakt zu Hautreizungen und bei Aufnahme zu vergiftungsähnlichen Erscheinungen. Damit drückt er für mich perfekt die Zerissenheit, die das kommerzialisierte Weihnachten mit sich bringt,

Meinung

aus. Auf der einen Seite die Schönheit des Festes an sich, auf der anderen Seite die Fratze der Kommerzialisierung.

Dabei mag ich Weihnachtssterne eigentlich gar nicht. Finde sie weder hübsch noch wohl duftend und schon gar nicht einen Aufputz. Und zu sehen bekomme ich sie derzeit sowieso überall, da brauche ich so ein Symbol nicht auch noch zu Hause. Jetzt verhält es sich aber so, dass ich jedes Jahr, pünktlich im November, als Einstimmung auf die Weihnachtszeit, ein Exemplar als vorweihnachtlichen Pseudo-Stimmungsaufheller geschenkt bekomme. Dass da jemand an mich denkt, das löst durchaus Freude bei mir aus – aber doch nicht ausgedrückt durch diese Frohes-Fest-Staude…

All meine Proteste und Hinweise haben bis heute nichts gebracht. Alljährlich im November wird mein unbestelltes Weihnachtsstern-Abo ausgeliefert. Unbeirrbar verschafft sich diese raffinierte Pflanze Zutritt zu meinem Heim. Doch raffiniert bin ich auch. Wie jeder weiß, halten Weihnachtssterne im Topf in der Wohnung selten ewig. Ich unterstütze die Pflanze ganz einfach in ihrer naturgegebenen Zerfallssucht und störe sie nicht in ihrem Dasein. Auch nicht durch Gabe von Gießwasser. Erstaunlicherweise sind meine Weihnachtssterne immer die ersten, die dann das Zeitliche segnen. Wunderbar.