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punktierte Linie

Bei mir sind
Ampeln immer rot

Von Manfred Schiechtl | Innsbruck wurde die Grüne Welle versprochen. Wo ist sie?

Es gibt einen ganz großen und äußerst verlässlichen Fixpunkt in meinem Leben. Rote Ampeln. Egal, ob ich zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs bin. Ich treffe sie an jeder Ecke. Rote Ampeln. Stop and go. Das Stop steht für rot, das go für keine Ampel in Sicht. Aber warum ist das so? Diese Frage stelle ich mir wohl schon seit ich den Führerschein besitze. Mein Zeitvertreib bei Autofahrten durch Innsbruck ist nicht Radio hören, sondern rote Ampeln zählen. Und natürlich grüne Ampeln, sollte ausnahmsweise doch einmal eine dabei sein. Immer wieder ergibt meine ganz persönliche Statistik, dass Rot nicht die Farbe der Liebe, sondern die Farbe der Ampeln ist. Und Ampeln bringen mir keine Liebe sondern nur abweisende Gesten in Rot entgegen. Egal, ob ich eine bestimmte Strecke langsam oder schnell fahre. Es ändert sich nichts. Mit rechten Dingen kann dies doch eigentlich nicht zugehen. Oder?

Als ich noch die Uni besuchte, haben wir im Fach Statistik die Wahrscheinlichkeitsrechnung behandelt. Laut dieser Rechnung kann es dieses Phänomen eigentlich nicht geben. Ampeln müssen aus irgendeinem Grund die Gabe besitzen, sich der Physik der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu entziehen. Es kann nicht sein, dass das Schwesterchen der roten Ampel, die grüne Ampel eine ausgestorbene Spezies ist. Also beginne ich darüber nachzudenken, was es mit diesem Missverhältniss auf sich haben könnte. Auf einen grünen Zweig komme ich dabei nicht. Richtig geraten – mein Zweig ist rot.

„Rot heißt stehen, grün heißt gehen.“ Diesen Spruch haben wir als Kinder in Verkehrserziehung gelernt. Hat mich damals noch die Ampel an sich noch fasziniert, so finde ich es heute auffallend, dass der Erfinder dieses Spruchs auch zuerst von der roten Ampel spricht. Wahrscheinlich hatte er das gleiche Problem wie ich und selten eine grüne Ampel gesehen. Geht es allen so? Oder gibt es sie, die Glücklichen, bei denen Grün nicht nur die Farbe der Hoffnung, sondern eine Realität ist?

Meinung

Vor einigen Jahren, ich glaube mich zu erinnern, dass es 2008 war, schreckte mich eine Verlautbarung der Stadtgemeinde Innsbruck auf. Man habe, hieß es, eine äußerst moderne Verkehrsrechenanlage angeschafft, nun werde ein neues Ampelzeitalter anbrechen. Die Grüne Welle wurde als der neue Star in Innsbrucks Straßen angekündigt. Ich freute mich wohl mehr als alle anderen, denen diese Meldung aufgefallen war. Endlich war ein Ende des Tunnels in Sicht. Heute frage ich mich allerdings, ob diese Verkehrsrechenanlage jemals in Betrieb genommen wurde. Denn ich kann sie vor lauter roter Ampeln nicht finden, die Grüne Welle.

Die zweite niederschmetternde Erkenntnis aus dieser Episode: Im damaligen Bericht wurde die Anzahl der in Innsbruck installierten Verkehrssignalanlagen (wem fallen solche Wörter ein?) genannt. 120 sind es. Wobei mir vorkommt, dass es gefühlt weit mehr sein müssen. Aber auch 120 ist eine stolze Zahl. Die Verkehrsabteilungen von Kommunen scheinen ja eine ganz besondere Freude daran zu haben, ihre Budgets in Ampelankäufen zu investieren. Ob Verkehrsplaner und Verkehrsexperten ganz einfach keine Menschenfreunde sind und ihre schlechte Laune durch rote Ampeln an unschuldigen Menschen wie mir auslassen? Ich weiß es nicht.

Vielleicht ist der einzige Weg zu einem Erfolgserlebnis, dem Kind im Manne freie Bahn zu gewähren und mir zu meinem nächsten Geburtstag eine eigene, private Ampel zu wünschen. Eine Ampel, deren Launen ich nicht schutzlos ausgeliefert wäre. Eine Ampel, der ich vorschreiben kann, welche Farbe sie anzunehmen hat. Grün natürlich. Bei meinem Glück traue ich mich aber schon jetzt vorherzusagen: Die erste Lampe, die bei meiner Ampel durchbrennen wird, wird die Grüne sein. Während die rote noch lange Zeit quicklebendig ihre einbremsende Gewalt ausübt. Bei meinem Glück mit Ampeln wäre alles andere äußerst erstaunlich.