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Muss ein Kind gefördert werden?

Von Dr. Andrea Koschier | Der Drang zur Förderung unserer Kinder: Es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Kinder zu optimieren. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.

Liebe Frau Koschier,

ich bin Mutter eines knapp fünf Monate alten Buben. Ich bin überglücklich über meinen kleinen Engel. Ich genieße die Zeit mit ihm sehr, wir spielen viel, lachen viel, gehen an die frische Luft. Wenn wir zu Hause sind, dann sitzen wir gemeinsam lange auf der Kuscheldecke und machen Spielchen. Wir spielen „Kuckuck“, d.h. ich verstecke mein Gesicht hinter einem Polster, oder wir spielen „Wer ist der Stärkere?“. Dann machen wir mit einer Schnur eine Art Tauziehen. Oder ich mache so kleine Fingerspielchen mit ihm. Er „weiß“ schon, wenn wieder dieses kleinen Spiele kommt, weil er mir dann sein Händchen entgegenstreckt und mich direkt dazu auffordert. Manchmal zeigt er mir deutlich, dass er jetzt genug hat, dann wird er quengelig, dreht sich und sein Gesicht weg und „mault“ mit mir. Dann hat er es lieber, wenn ich mich wieder um mich selbst kümmere und dann mache ich dies und das, bügle, räume auf, etc. Meiner Meinung nach liebt er auch das und kommentiert auch mit Lauten, was er von meiner Putzleistung hält. Ich schaue dann hin und wieder nach ihm, sage Sachen wie „Ach das findest du lustig, wie die Mama da am Bogen herumkrabbelt?“, dann lächelt er mich an und „gurrt“. So verbringen wir eigentlich den Großteil unserer Zeit.

Es wäre eigentlich alles gut, wenn da nicht meine Freundinnen – ebenfalls Mütter – wären, die immer sagen: Ich müsste mein Kind fördern, es sei nicht gut, dass ich mit ihm alleine in der Wohnung sitze. Ich sollte mehr zu Mutter-Baby-Treffs gehen, mich Gruppen anschließen etc. Ich will das eigentlich nicht, mir fehlen dann aber immer die richtigen Argumente. Ich kann mich doch nicht immer auf mein Bauchgefühl berufen? Reicht es nicht, wenn er hin und wieder am Spielplatz oder bei Familientreffen andere Kinder kennen lernt? Ich dachte, vielleicht haben Sie ein paar wissenschaftliche Argumente für mich?

Lieber Gruß, I.

Liebe Frau I.!

Therapeutische Mutter-Baby-Gruppen, Treffpunkte für Eltern und Kinder, Gruppenangebote und Förderprogramme sind eine tolle Sache – für Familien, die diese Unterstützung, Struktur, den Austausch und die Förderung wollen und brauchen. Genauso wie aber ein gesundes Kind keine Medizin braucht, um noch gesünder zu werden, braucht ein gut entwickeltes und gut reguliertes Kind keine Förderung, um noch besser zu werden. Es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Kinder zu optimieren. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Und schneller ist nicht besser. Unsere Aufgabe als TherapeutInnen ist es dort zu helfen, wo Hilfe erwünscht und nötig ist. Genauso sind für manche Mütter solche Angebote hilfreich, weil ihnen sonst vielleicht die Decke daheim auf den Kopf fällt, sie sich alleine fühlen etc. Andere Mütter wiederum wären von solchen Angeboten gestresst. Es gibt keine per se „guten“ Gruppen- oder Therapieangebote. Es ist wie mit einem Restaurant: Wenn Sie hungrig sind, gehen Sie hinein. Und drinnen entscheiden Sie, ob es Schnitzel oder Germknödel sein sollen. Jede

Lebenswert

Entscheidung ist gut.

Ich weiß nicht, an welche Gruppen- und Förderprogramme Ihre Freundinnen denken, aber ich kann Ihnen sagen, welche Gedanken ich konkret bei Ihrer Schilderung hatte: Zum einen ist Ihr Sohn fünf Monate alt. Das heißt, er ist gerade vollauf damit beschäftigt, die Bindung zu Ihnen aufzubauen, und er erobert durch Sie, durch Ihre Augen und durch Ihre Erklärungen seine Welt. Kinder in diesem Alter erleben so viel, sind so vielen Reizen ausgesetzt – bitte lassen Sie Ihr Kind verschnaufen! Er muss das Erlebte ja integrieren können. Gönnen Sie ihm weither hin Pausen! Er wird Kinder brauchen, diese Zeit wird kommen, und er wird es Ihnen mitteilen, wenn er dafür reif ist. Und Sie werden an der Art und Weise, wie er auf andere Kinder reagiert und mit ihnen „plaudert“, erkennen, dass er jetzt mehr davon möchte.

Ihr Sohn braucht auch keine Förderung – er scheint gesund und gut entwickelt. Es wird keinen Preis dafür geben, wenn er als Erster seine Kindheit erledigt hat. Es ist umgekehrt wünschenswert und eine große Leistung, mit dem Kind im Spiel zu versinken, den Wäscheberg und die noch zu erledigenden E-Mails zu vergessen und sich ganz und gar auf das Tempo und das Spiel des Kindes einzulassen. Ihm die Führung zu überlassen und seinen Rhythmus als den Ihren anzunehmen. Ihm das, was er tut, sagt und fühlt, widerzuspiegeln. Und mit ihm seine Kraft und seinen Körper zu erkunden. Ihn durch Spielchen mit der Welt und sich selbst in Kontakt zu bringen. Ihm Wörter für Dinge, Menschen, Vorgänge und Gefühle zu geben. Ihn mit einem Hof von Freude zu umgeben und ihm so das Gefühl zu geben: „Du bist willkommen und du bist richtig.“ Werden Sie nicht sein Sporttrainer oder seine Therapeutin, sondern bleiben Sie weiterhin sein sicherer Hafen, von dem aus er bei Wunsch seine „Expeditionen“ unternehmen kann. Wenn Sie so wollen, ist das die beste „Förderung“ für ein Kind.

In allen therapeutischen Angeboten, die ich kenne und für gut heiße, geht es im Grund darum, Eltern und Mütter zu Ihrer ursprünglichen Sicherheit und Intuition zurück zu führen. Eine Mutter-Baby-Gruppe und ähnliches sind keine Universitätslehrgänge für diplomiertes Elternsein. Das heißt: Im Prinzip wäre das Ziel, das zu erreichen, was Sie schon haben: sich in Ihrem Muttersein wohl zu fühlen und feinfühlig auf Ihr Kind zu reagieren. Ich schlage daher vor, Sie nehmen diesen Umweg nicht.

Ich denke, dass Ihre Freundinnen Ihre Art des Mamaseins als Bedrohung und Hinterfragung des eigenen Tuns erleben. Es mag für Ihre Freundinnen unvorstellbar sein, den „ganzen“ Tag mit dem Kind alleine herumzuwurschteln. Dann dürfen Ihre Freundinnen gerne einen anderen Weg für sich wählen. Es gibt viele Arten, eine gute Mama zu sein. Auch das Mama- oder Elternsein muss nicht perfektioniert werden.

Ich hoffe, Sie können damit etwas anfangen und wünsche Ihnen weiterhin viel Freude beim entspannten Mamasein!
Andrea Koschier