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Kommt ein Fußballprofi zur Krisenintervention

Von Dr. Andrea Koschier | In einer Fußballkabine nach dem EM-Match Portugal – Österreich. Es herrscht betretenes Schweigen. Nur ein leises Weinen ist zu vernehmen.

Der Fußballer in der Krise zur eilig herbeigerufenen Psychologin: „Das ist ein bisschen frustrierend. Die Österreicher haben gar nicht erst versucht, Fußball zu spielen, sondern nur verteidigt, verteidigt, verteidigt. Das ist für mich eine schwache Mentalität, damit kann man in einem Turnier nichts gewinnen.“

Trainer flehend zur eilig herbeigerufenen Psychologin: „Bitte tun Sie was, am Mittwoch muss der Mann wieder aufs Spielfeld. In diesem elenden Zustand kann er nicht raus und er ist doch mein Star!“ Psychologin denkt scharf nach, dann holt sie tief Luft und sagt betont ruhig: „Die therapeutische Intervention bei Selbstvorwürfen und bei Vorwürfen anderen gegenüber ist zunächst die Selbstakzeptanzübung. Danach ist es in vielen Fällen jedoch noch sinnvoll und notwendig, eine Selbstverzeihübung bzw. die Verantwortung-beim-anderen-Belassen-Übung zu praktizieren“.

Zum Fußballer gewandt, der inzwischen haltlos in sein Trikot mit der Nummer 7 hinein schluchzt: „Ich habe für Sie drei Übungen. Bitte sprechen Sie mir laut und deutlich nach:“

„Auch wenn die österreichische Mannschaft das Remis nicht verdient hat, weil sie gar nicht versucht hat, Fußball zu spielen, liebe und akzeptiere ich mich, wie ich bin.“ (Fußballer-Selbstakzeptanzübung)

„Auch wenn ich mir selbstverständlich nichts

Lebenswert

vorzuwerfen habe, und mir deshalb auch keinen Vorwurf machen kann, obwohl ich einen Elfmeter verschossen habe, verzeihe ich mir dennoch voll und ganz, denn ich konnte und wollte nicht anders und dazu stehe ich jetzt.“ (Fußballer-Selbstverzeihübung)

„Auch wenn ich Österreich weiterhin vorwerfe, nicht Fußball gespielt zu haben, liebe und akzeptiere ich mich, wie ich bin. Und selbst wenn Österreich nicht anders konnte, als nicht Fußball zu spielen, und mir dies anzutun, liebe und akzeptiere ich mich so wie ich bin und lasse die gesamte Verantwortung für dieses Remis bei Österreich.“ (Fußballer Verantwortung-beim-anderen-Belassen-Übung)

Das Schluchzen des Spielers mit der Nummer 7 ist etwas leiser geworden, hinter seinem zerknüllten Trikot hervor schielt der Mann sogar schon wieder nach dem nächsten Spiegel und fummelt sich an der Frisur herum. Die Psychologin nickt zufrieden und wendet sich dann an den Trainer: „Ich muss jetzt wieder los, aber bitte achten Sie darauf, dass er vor dem nächsten Match jeden Satz zweimal laut wiederholt. Falls er Schwierigkeiten haben sollte, sich die Sätze zu merken, verwenden Sie einfachere Wörter und kürzere Sätze. Wissen Sie was? Am besten schreiben Sie es ihm auf!“

Die Zitate stammen aus Michael Bohnes „Bitte klopfen! Anleitung zur emotionalen Selsthilfe“, Carl-Auer Verlag 2016.