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punktierte Linie

Mein Name ist Anastasia

Von Dr. Andrea Koschier | Hallo an alle! Mein Name ist Anastasia. Das spricht man mit einem langen „i“ aus, weil ich bin Russin, nein eigentlich bin ich Österreicherin.

Also jedenfalls in Russland wird es so ausgesprochen. Die ehemalige Therapeutin meiner Familie hat mich gebeten, diesen Brief zu schreiben. Sie dachte, es würde ihr in der jetzigen Debatte um Flüchtlinge helfen. Anscheinend gibt es zur Zeit viele von uns und anscheinend wissen die Leute nicht, was sie von uns halten sollen. Also tue ich mein Bestes, die Therapeutin war damals ja recht brauchbar.

Also, das war vor mittlerweile fünf Jahren, da habe ich diese Therapeutin kennen gelernt. Wir haben sie nur ein paar Mal gesehen. Jetzt bin ich sechs Jahre alt. Schreiben kann ich natürlich nicht wirklich, ich tue nur so als ob. Und erinnern kann ich mich auch nicht wirklich, ich tue nur so als ob.

Damals waren wir, also meine Mama, mein Papa und eine Dolmetscherin bei ihr, weil meine Mama dachte, ich müsste sterben. So ein Blödsinn. Nein, die Dolmetscherin war nicht dabei, weil ich sterben würde, sondern weil meine Mama damals nur russisch sprach. Mein Papa sprach ein sehr komisches Russisch, eigentlich konnte er gar nicht russisch, er sprach irgendwas mit „Tschetsche…..“ Die Mama macht sich immer und immer Sorgen – wegen allem. Sie dachte damals jedenfalls, ich würde sterben, weil ich zu wenig essen würde. Und deswegen sind wir zur Therapeutin und die Dolmetscherin war dabei, weil wir eben nicht deutsch konnten und die Therapeutin konnte kein Russisch.

Ich war damals ungefähr ein Jahr alt. Ich hab schon gegessen, aber meine Mama hat das nicht so wirklich mitbekommen. Sie hat überhaupt nicht wirklich viel mitbekommen. Nicht einmal, dass mir so eine blöde Frau im Heim einfach den Kopf kahl geschoren hatte. Jetzt bekommt Mama mehr mit und ich habe schwarze Locken. Gestorben bin ich auch nicht.

Die Therapeutin meinte, ich sähe gesund aus, aber Mama meinte, nein, sie wird sterben, sie isst keine Suppe, sie muss doch Suppe essen. Ich hasse Suppe. Mein Papa hat immer der Dolmetscherin auf den Busen geschaut. Meine Mama war böse auf Papa. Dem Papa war auch schlecht. Er musste Medikamente nehmen, weil er krank war. Mama war auch krank, sie musste auch Medikamente nehmen. Sie nahmen die Medikamente immer abwechselnd. Eine Woche war Mama grün und kotzte, eine Woche Papa. Auch deswegen war

Lebenswert

Mama böse auf Papa. Sie sagte, Papa sei schuld an der Krankheit. Das habe ich nicht verstanden. Papa hat auch nie bei uns gewohnt, er kam immer nur tagsüber zu Besuch. Mama und ich wohnten in einem Heim und Papa in einem anderen. Sie sagten, das sei, weil Papa in einem anderen Asylstatus sei. Komische Regelung.

Jedenfalls hat Mama angefangen zu weinen, immer mehr. Und irgendwann hat es sie so nur noch durchgeschüttelt. Aber so richtig, richtig gruselig wurde es, als sie nur noch still in sich hinein wimmerte. Sie hat dann mit der Therapeutin über ihre Heimat gesprochen, über ihre Oma, die Küche der Oma, die Suppe der Oma und so weiter. Papa hat die Augen verdreht und der Dolmetscherin auf den Busen geschaut. Mama hat es nicht gemerkt. Ich hab ganz fest aufgepasst. Solche Situationen können ungemein gefährlich sein. Und gruselig.

Dann hat Papa angefangen zu schimpfen, Mama solle den Blödsinn endlich lassen, es gebe keine Heimat mehr, es gebe kein Zurück. Dann hat er was von Asylanträgen gesagt und dass wir weder in Mamas noch in Papas Heimat leben könnten.

Dann kann ich mich an nichts mehr erinnern. Erwachsenenzeugs eben. Ich weiß nur noch, dass ich noch ein paar Mal bei der Therapeutin war. Mit meiner Mama. Papa war nicht mehr dabei. Mama hat gesagt, er hat einen Blödsinn gemacht. Danach habe ich ihn nicht mehr gesehen. Schade, weil er hatte immer so schöne Schuhe an, die waren vorne spitz. Und er roch gut. Jedenfalls ist meine Mama dann zu einer anderen Therapeutin gegangen. Ohne mich. Wahrscheinlich, weil sie noch mehr Erwachsenenzeugs geredet haben. Na ja, jedenfalls mit Mama ging es dann ein wenig bergauf. Sie weint jetzt nicht mehr so viel. Eine Dolmetscherin brauchen wir auch nicht mehr. Im September gehe ich in die Schule. Meine Schultasche ist rosa und hat Pferde darauf. Mehr kann ich nicht sagen. Doch: Wir wohnen jetzt endlich auch nicht mehr im Heim, sondern in einer eigenen Wohnung und Mama hat Arbeit. Die gefällt ihr zwar nicht gut, aber Mama sagt, sie macht satt. In unserer Küche hat Mama ein paar Bilder aus ihrer alten Heimat aufgehängt. Von Papa hat sie kein Bild aufgehängt. In meinem Zimmer hängen Pferdebilder. Wenn ich reich bin, habe ich ein Pferd. Wenn ich das sage, lacht Mama. So, das ist alles, tschüss! Anastasia mit langem „i“