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Versuchte
Beschreibungen

Von Dr. Andrea Koschier | Psychische Diagnosen sind medizinischen Diagnosen nicht gleichzusetzen. Psychische Diagnosen sind versuchte Beschreibungen von sehr wohl existierenden, menschlichen Leidenszuständen.

Hallo Frau Dr. Koschier,

ich erlaube mir, Ihnen kurz mein Problem zu schildern. Ich weiß, dass ich psychisch krank bin, das spür’ ich und da gibt es auch keine Diskussion. Was mich aber verwundert und verärgert, ist die Tatsache, dass ich praktisch jedes Mal, wenn ich zu einem Psychologen oder Psychiater muss (und dies häufig aufgrund von Arbeitsunfähigkeit), ich eine andere Diagnose erhalte. Von Anpassungsstörung über Depression bis zur Persönlichkeitsstörung ist alles dabei. Ich frage mich bei allem Respekt: Wie ist so etwas zu erklären? Beim Arztbesuch wird ja auch aus einem Blinddarm auch kein Bandscheibenvorfall.
Vielen Dank für Ihre Antwort,
Ingrid M.

Sehr geehrte Frau M.,

über den Werdegang medizinischer Diagnosen kann ich wenig sagen, da ich keine Ärztin bin. Bitte verzeihen Sie mir diesen despektierlichen Einstieg, aber Sie haben hier einen wichtigen Punkt angesprochen: Psychische Diagnosen sind medizinischen Diagnosen nicht gleichzusetzen. Ich weiß, dass dies für Laien schwer nachzuvollziehen ist, aber ich versuche eine Erklärung: Anfangs hat sich die Psychologie aus Gründen des Überlebens des Berufsstandes sehr an die Medizin angelehnt. Es war auch der Wunsch, eine der Medizin ähnliche Psychologie zu etablieren – und so versuchte man auch eine medizinähnliche Diagnostik zu etablieren. Das hier weiter auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Fakt aber ist: Psychische Erkrankungen existieren nicht in dem Sinn wie es medizinische Erkrankungen tun – noch nie hat jemand DIE Depression oder DAS Borderlinesyndrom gesehen oder gemessen. Es existieren lediglich psychische Diagnosen. Wir sollten daher auch nicht sagen: „Herr X hat eine Depression.“ Sondern lediglich: „Frau Z hat am Tag Y bei Herrn X die Diagnose Depression gestellt.“

Psychische Diagnosen sind versuchte Beschreibungen von sehr wohl existierenden, menschlichen Leidenszuständen. Unser Gesundheitssystem „braucht“ diese Beschreibungen.

Und nun wird es kompliziert: Erstens: Es gibt mehrere Diagnosemanuale – diese sind sich zwar ähnlich aber eben nicht ident. Es kann also sein, dass der eine Leidenszustand im einen Manual den Namen „Apfel“ hat und im anderen den Namen „Banane“. Liest man die Beschreibungen in den unterschiedlichen Manualen folgt die Feststellung: Aha, die meinen das Gleiche.

Lebenswert

Zweitens: Es ist bei vielen Diagnosen ein zeitliches Kriterium angegeben. D.h: ab einer gewissen Zeitspanne – z.B. drei oder sechs Monate – wird aus der Diagnose „Apfel“ völlig korrekt eine Diagnose „Birne“. So ist z.B. der Sprung der von Ihnen genannten Diagnose Anpassungsstörung zur Diagnose Depression denkbar.

Drittens: Eine Diagnostik soll immer aus einer bestimmten Fragestellung heraus passieren. Beispielsweise: Kann diesem Menschen dieses und jenes zugemutet werden? Soll eine Person diese oder jene Behandlungsform erfahren? So ist es denkbar, dass unterschiedlichen Fachleute aufgrund ihres jeweiligen Arbeitskontextes und ihres unterschiedlichen Auftrages (z.B. der Hausarzt, der „rasch“ eine Überweisung zur Psychotherapie ausstellt, oder der Amtsarzt der über eine Invaliditätspension zu entscheiden hat) zu anderen Diagnosen gelangen. Die Dauer von Diagnosegespräche kann variieren von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden – beide Vorgehensweisen können sinnvoll sein. Je schwerwiegender die Folgen einer Diagnose sind, desto länger sollte für die Diagnostik Zeit sein und umso genauer sollte überlegt werden.
Viertens: Für die Diagnose psychischer Störungen sind wir zu einem hohen Maß an die Erzählungen der Menschen angewiesen. Menschliche Erzählungen wiederum sind nichts Starres, sie variieren je nach Situation, Stimmung, aktuellen Ereignissen, etc. Es werden Leidenszustände zwar nicht völlig anders erzählt, aber möglicherweise tritt der eine Aspekt einmal mehr und einmal weniger in den Vordergrund, oder unser Gedächtnis bringt die zeitliche Reihenfolge durcheinander – dies kann eine andere Diagnose zur Folge haben.

Fünftens und letztens: Das menschliche Leben ändert sich — und damit ändern sich auch die Diagnosen. Jemand, der in der Wüste lebt, wird kaum eine Phobie vor Brücken entwickeln, zieht derjenige aber unglücklicherweise nach Venedig… Aus einer Magersucht wird eine Bulimie… Jemand der bislang seine sozialen Ängste gut im Griff hatte und auf sein Umfeld vielleicht „zwänglerisch“ wirkte, wird beruflich versetzt, hat plötzlich mit vielen Menschen zu tun und seine sozialen Ängste treten vermehrt in den Vordergrund.

Ein anderer Weg aber, um zu erfahren, wie Fachleute zu ihren Diagnosen gelangen, wäre: Fragen Sie nach oder lesen sie nach! Bei www.dimi.de bekommen Sie dazu erste Informationen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute,
Andrea Koschier