Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 2:30 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Sichere und unsichere Bindungen

Von Dr. Andrea Koschier | Die Wichtigkeit der Beziehung zwischen Kind und „Bindungspersonen“, im Normalfall Mutter und Vater.

Sehr geehrte Frau Dr. Koschier,

ich schreibe Ihnen wegen meiner Tochter S. Sie ist zweieinhalb Jahre alt und besucht an fünf Vormittagen die Kinderkrippe in unserem Heimatort. Als ich S. heute abgeholt habe, bat mich die Krippenleiterin um ein Gespräch. Ich kann gar nicht mehr genau wiedergeben, was sie alles sagte. Aber im Prinzip ging es darum, dass sie der Ansicht sei, Sandrine habe eine „unsichere Bindungsstörung“ und sie meinte, ich solle dies abklären lassen. Auf meine Frage, wie sie denn darauf komme, meinte die Pädagogin, aufgrund des Verhaltens von S. beim Abgeben und Abholen in bzw. von der Krippe. Ich kann das nicht verstehen, auf mich macht S. immer einen ruhigen Eindruck, sie hat auch nur am Anfang beim Eingewöhnen geweint. (….) Ich wäre froh, wenn Sie mir sagen könnten, was das für eine Diagnose ist und was ich jetzt tun soll.
Mit bestem Dank im Voraus,

Ingrid K.

Sehr geehrte Frau K.,

gleich vorweg: Eine Diagnose „unsichere Bindungsstörung“ gibt es nicht. Worauf sich die Pädagogin bezieht, ist die sog. „Bindungstheorie“, eine mittlerweile anerkannte und etablierte Theorie, welche die Wichtigkeit der Beziehung zwischen Kind und „Bindungspersonen“ (im allgemeinen Mutter und Vater) beschreibt. Ich versuche, diese in aller Kürze und dennoch verständlich zu erklären.

Die Bindungstheorie kennt vier Bindungsstile des Kindes: den sicheren, den unsicher-vermeidenden, den unsicher-ambivalenten und den desorganisierten Bindungsstil. Damit verbunden sind vier prototypische Beschreibungen von kindlichem Verhalten in Trennungs- und Wiedervereinigungssituationen. Die drei erstgenannten Typen werden als „normal“ angesehen, wobei der sichere Bindungsstil sicherlich wünschenswert erscheint. Erst der letztgenannte, der sog. desorganisierte Bindungsstil kann zugleich als Diagnose Bindungsstörung beschrieben werden. Hier wiederum gibt es die Ausprägungen „gehemmter“

Lebenswert

und „enthemmter“ Typus. Eine Diagnose Bindungsstörung wiegt sehr schwer und hat weitreichenden Folgen für die weitere Entwicklung des Kindes.

Um all dies festzustellen gibt es diverse Tests, abgestimmt auf das jeweilige Alter des Kindes. In den Tests für das Kleinkindalter (0 – 3 Jahre) wird z.B. das Verhalten des Kindes beobachtet, wenn es von seiner Bindungsperson getrennt wird, also Stress ausgesetzt wird, und wie es auf das Wiedersehen mit der Bindungsperson reagiert.

Aus den Schilderungen des Verhaltens Ihrer Tochter vermute ich, dass die Pädagogin auf den unsicher-vermeidenden Bindungsstil anspielt. Dieser Bindungsstil ist so beschrieben, dass diese Kinder bei der Trennung von der Mutter/dem Vater äußerlich ruhig bleiben und so „tun als ob“ es ihnen gut gehe, sie wenden sich dem Spiel zu („Explorationsverhalten“). Innerlich – und dies weiß man z.B. aus Messungen des Stresshormons Kortisol – leiden diese Kinder jedoch unter hohem Stress. Auch das Wiedersehen mit der Mutter/dem Vater läuft auf den flüchtigen Blick unspektakulär ab. Erst bei genauem Hinsehen zeigt sich: Diese Kinder vermeiden eher Blick- und Körperkontakt und drehen sich weg.

Wenn Sie mehr zu diesem Thema wissen möchten, kann ich die Website einer Kollegin empfehlen: www.sicherebindung.at, die auch das Thema Kinderkrippe behandelt.

Ihre Frage, was Sie jetzt tun können, ist in dieser Form nicht zu beantworten. Ich denke, dazu braucht es ein persönliches und vertrauensvolles Gespräch. Ich rate Ihnen daher, sich eine Psychologin und/oder Psychotherapeutin zu finden, welche auf den Kinderbereich spezialisiert ist, um gemeinsam zu entscheiden, ob und wenn ja, was zu tun sei. Unter www.psyonline.at finden Sie Fachkräfte — geografisch und thematisch aufgelistet.

Von einer Abklärung ohne vorbereitende, erklärende Gespräche rate ich ab. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Tochter alles Gute,

Andrea Koschier