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Die Lebenslust verloren

Von Dr. Andrea Koschier | Eine Mutter macht sich Sorgen um ihre Tochter, die nur noch traurig ist und viel weint.

Hallo Frau Dr. Koschier,

ich wende mich an Sie, weil ich mir Sorgen um meine Tochter Susanne mache. In den letzten Wochen wirkt sie so traurig, sie weint viel, ohne mir richtig sagen zu können, warum. Sie sagt sogar, es habe sowieso alles keinen Sinn mehr. Ich habe Angst, dass sie sich etwas antun könnte. Als Jugendlicher soll man doch lebenslustig sein und nicht an den Tod denken. Aber fragen kann ich sie doch nicht. Dann bringe ich sie doch womöglich auf solche Ideen? Ich möchte ihr doch so gerne helfen.

Freundliche Grüße
Barbara I.

Sehr geehrte Frau I.,

ich habe in diesem Bereich wenig Erfahrung. Deshalb habe ich mir erlaubt, ihre Anfrage an eine kompetente Fachärztin für Kinder- und Jugendspsychiatrie aus Innsbruck weiter zu leiten. Frau Dr. Kordula Krepp meint zu diesem Thema: „Ein offenes Ohr für solche Hinweise zu haben und sie ernst zu nehmen, kann der erste Schritt zu einer Hilfestellung sein. Andere Aussagen von Jugendlichen, bei denen Eltern hellhörig werden sollten, sind: „Ich werde niemandem mehr zur Last fallen!“ oder „Es bringt sowieso alles nichts mehr!“ Auch wenn sich jemand plötzlich stark verändert, z.B. völlig zurückzieht oder sich selbst vernachlässigt, kann das ein Warnzeichen sein.

Natürlich wünscht man sich als Eltern, dass es den eigenen Kindern gut geht und sie Freude am Leben haben. Aber das Jugendalter bringt viele

Lebenswert

Herausforderungen, z.B. in der Ausbildung, in der Familie oder im Freundeskreis, mit sich. Es gibt sehr viele Jugendliche, die sich dann auch existentielle Fragen nach dem Sinn des Lebens stellen. Wenn die Verzweiflung aber übermächtig wird, wenn das Gefühl der Hilflosigkeit um sich greift, kann es gefährlich werden. Und Selbstmord ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren. Wenn die Betroffenen in der Krise aber Hilfe bekommen, können die meisten von ihnen innerhalb weniger Tage wieder optimistisch in die Zukunft blicken.

Die Angst davor, als Angehöriger mit Nachfragen alles noch viel schlimmer zu machen, ist weit verbreitet. ABER: Über Selbstmord zu sprechen, hat noch niemanden auf die Idee gebracht, sich umzubringen. Oft ist es für den Betroffenen sogar sehr befreiend und sie fühlen sich ernst genommen, wenn jemand das Ausmaß ihres Leides sieht. Und es ist der erste und wichtigste Schritt zu einer professionellen Hilfe. Wahrscheinlich braucht Susanne dann auch Ihre Unterstützung, um den Weg zu einer Fachperson zu finden. Ansprechpartner sind Kinder- und Jugendpsychiater in der Praxis oder die kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz der Klinik. In akuten Fällen außerhalb der Geschäftszeiten, also abends und am Wochenende, ist für Jugendliche bis 18 Jahre die allgemeine Ambulanz der Kinderklinik die richtige Anlaufstelle.“

Herzliche Grüße,
Kordula Krepp