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Obsorgegutachten kosten Zeit, Geld und Nerven

Von Dr. Andrea Koschier | Zur letzten Kolumne, als es um die Übernahme der Obsorge eines Enkels ging (hier zu finden), stellen sich noch weitere Fragen.

Familie U schreibt:
Sehr geehrt Frau Koschier!
 
Herzlichen Dank für Ihren Rat und Ihre Erklärung zu unserem Bemühen, die Obsorge für unseren Enkel zu bekommen. Nun hätten wir noch einige Fragen an Sie. Uns wurde anfangs Fr. Dr. W. als Psychologin für das Gutachten zugewiesen. Sie hat aber wegen Befangenheit abgelehnt. Jetzt wurden uns Fr. Dr. A. zugewiesen. Frau Dr. W. hätte das Gutachten in acht Wochen erledigen sollen. Bei Fr. Dr. A. wurde die Zeitspanne auf zwölf Wochen erhöht. Ist das zulässig? Außerdem hat sie  dem Richter eine Kostenwarnung von ca. 3500 Euro zukommen lassen. Ist es möglich, dass so ein psychologisches Gutachten so viel kosten kann?

Herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen,
Familie U.

Sehr geehrte Familie U.!

Um mich kurz zu fassen: Das gesamte Vorgehen aller Beteiligten ist korrekt. Gerne erkläre ich es im Detail: Zur Frage der Befangenheit: Liegen „objektive Gründe“ der Befangenheit – wie z.B. enger beruflicher Kontakt der Sachverständigen oder ihrer Familienmitglieder mit einer Partei vor, so muss die Sachverständige die Begutachtung zwingend ablehnen. Folgerichtig hat der Richter eine neue Sachverständige bestellt und ihr einen Zeitrahmen von zwölf Wochen zugebilligt. Auch dies ist korrekt und liegt im Ermessen des Richters. Es könnte z.B. sein, dass der Richter vorab mit der Sachverständigen Kontakt aufgenommen hat, um nicht wieder an eine „befangene“ Sachverständige zu geraten, und ihr den Fall kurz geschildert hat. Es könnte sein, dass die Sachverständige den Auftrag unter der Voraussetzung einer Zwölf-Wochen-Frist annehmen konnte, weil sie möglicherweise gerade noch andere Gutachten fertig zu schreiben hat oder einfach lieber vorsichtig plant.

Lebenswert

Die konkreten Gründe kenne ich natürlich nicht. Aber wenn Sie bedenken, welche Aufgaben die Sachverständige zu erledigen hat, dann ist eine Zwölf-Wochen-Frist auch sehr angemessen: Sie muss den kompletten Akt lesen, einen Untersuchungsplan erstellen, psychologische Fragestellungen ableiten, die richtigen Tests und Untersuchungsinstrumente auswählen, sie muss planen, mit wem sie welche Tests, Gespräche und Interaktionsbeobachtungen durchführen muss. Dies alles macht sie, bevor Sie als Partei überhaupt von der Sachverständigen hören. Dann kommt es zu mehreren Terminen mit Ihnen, dem Kind, eventuell der Kindesmutter und anderen wichtigen Informationsquellen. Alle diese Gespräche, Beobachtungen und Tests müssen verschriftlicht und zusammenfassend in einem Gutachten wiedergegeben werden. Ein solches Gutachten kann leicht 50 bis 80 Seiten umfassen.

Damit komme ich zu Ihrer letzten Frage: Ja, ein Gutachten im Familienrecht kann diesen Wert haben. Wie viel Sachverständige für welche Tätigkeit verrechnen können, ist im „Gebührenanspruchsgesetz“ geregelt, eine Auflistung der einzelnen Kosten muss dem Gutachten in der Honorarnote beigefügt werden. Die Sachverständige muss eine Kostenwarnung vorab bzw. sobald sie erkennt, dass der vereinbarte finanzielle Rahmen nicht ausreicht, aussprechen. Macht sie dies nicht, kann es sein, dass ihr die Mehrkosten nicht ersetzt werden. Eine Kostenwarnung kann überdies mehrfach erfolgen.

Ich weiß nicht, wer im vorliegenden Fall die Kosten für das Gutachten zu tragen hat. Falls Sie die Kosten zu tragen haben, besteht eventuell die Möglichkeit, sich von diesen Kosten zumindest teilweise befreien zu lassen. Bitte fragen Sie dazu den Richter bzw. einen Rechtsanwalt.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen helfen,
mit freundlichen Grüssen,
Andrea Koschier