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Klärung der
Erziehungsfähigkeit

Von Dr. Andrea Koschier | Ein Paar möchte die Obsorge für den Enkel übernehmen – Voraussetzung ist ein psychologisches Gutachten.

Frau und Herr U. schreiben:

Sehr geehrte Frau Dr. Koschier!
 
Wir haben für unseren Enkel die Obsorge beantragt. Für uns ist es das erste psychologische Gutachten. Könnten sie uns bitte einige Ratschläge geben, wie wir uns während der Sitzungen verhalten sollen? Wir haben auch gehört, dass angeblich schon einmal psychologische Gutachten gefälscht worden sein sollen. Kann das stimmen?
  
J. und F. U.

Meine Antwort:
Sehr geehrte Familie U.!

Sie haben Ihrem Mail an mich den „Gerichtsbeschluss“ angehängt. Dieser Beschluss gibt kurz die Vorgeschichte wieder und „beschließt“ die Bestellung einer Sachverständigen zur Klärung Ihrer Erziehungsfähigkeit. Das heißt, die Sachverständige wird beauftragt, ein Gutachten darüber anzufertigen.

Wie Sie sich während der „Sitzungen“ verhalten sollen, erkläre ich Ihnen am besten anhand des Ablaufes. In den nächsten Tagen wird sich die Sachverständige bei Ihnen melden und Sie um einen ersten Termin bitten. Es werden wahrscheinlich mehrere Termine folgen, bei denen sich meine Kollegin einen Überblick über die Situation verschaffen wird. Diese Termine werden in ihrer Praxis und/oder bei Ihnen zu Hause stattfinden. Bei diesen Terminen werden Ihnen Fragen gestellt, welche zur Abfassung des Gutachtens notwendig sind.

Weiters könnte die Sachverständige Sie bitten, Fragebögen auszufüllen, sie wird Verhaltens- und Interaktionsbeobachtungen (zwischen Ihnen und dem Enkelkind) vornehmen wollen. Bei diesen Terminen geht es darum, dass sie sich möglichst kooperativ zeigen und die Fragen offen und ehrlich beantworten. Es geht nicht darum, sich fehlerfrei zu präsentieren, sondern zu zeigen, dass Sie im Grunde erziehungsfähig sind. Da Ihre Tochter laut dem Gerichtsbeschluss damit einverstanden ist, Ihnen die Obsorge des Enkelkindes zu übertragen, geht es in Ihrer Familie auch nicht darum, zu zeigen, wer besser zur Erziehung des Kindes geeignet wäre. Aus Sicht der Behörden ist es prinzipiell zu begrüßen, dass sich Großeltern und andere Verwandte um die Obsorge bemühen. Es ist jedoch in solchen Fällen immer deren Erziehungsfähigkeit zu überprüfen.

Lebenswert

In Anschluss an diese Phase (= Befundaufnahme) wird die Sachverständige ihr Gutachten verfassen und Ihnen und dem Gericht sowie allfälligen weiteren Parteien zustellen. In der Folge wird es dann zu einem Termin bei Gericht kommen. Womöglich wird dort das Gutachten besprochen („erörtert“). Der Ablauf dieses Termins hängt sehr davon ab, wie sehr das Gutachten als Beweismittel das Gericht überzeugen kann und wie sehr Sie als beantragende Partei damit einverstanden sind. Das heißt: Wenn sich alle Beteiligten einig sind, kann es sehr schnell und „einfach“ gehen – und Ihnen wird die Obsorge für das Kind übertragen. Herrscht Unstimmigkeit, dann folgen weitere Schritte und weitere Termine. Nun geht es mehr darum, neben der Sachverständigen auch das Gericht von Ihren Fähigkeiten zu überzeugen. Dies erreichen Sie am besten durch ein ruhiges und besonnenes Vorgehen. Wenn Sie sich nicht auskennen, fragen Sie ruhig nach, wenn Ihnen etwas unklar ist, bitten Sie um eine Erklärung.

Ihre zweite Frage lautet, ob es bereits vorkam, dass Gutachten gefälscht wurden. Hier muss ich ein wenig ausholen. Ein Gutachten kann nicht im eigentlichen Sinne „richtig“ oder „falsch“ sein, es kann nur mehr oder weniger den genau definierten Qualitätsansprüchen genügen oder eben nicht. Ein Gutachten sollte z.B. für einen Laien nachvollziehbar und leicht verständlich geschrieben sein. Damit ein Gutachten als „gefälscht“ bezeichnet werden kann, müssten z.B. wesentliche Teile aus einem Gutachten unverändert in ein anderes Gutachten übernommen werden. Eine Fälschung läge auch dann vor, wenn ein Sachverständiger z.B. fälschlicherweise angibt, einen bestimmten Test durchgeführt zu haben. Hat er jedoch den Test durchgeführt, aber mangelhaft ausgewertet, dann wäre das keine „Fälschung“ sondern eine fehlerhafte Durchführung.

Da Sie diese Frage stellen, nehme ich an, Ihnen sind Gerüchte zu Ohren gekommen. Ich habe auch von solchen Gerüchten gehört, ohne jedoch Genaueres zu wissen. Allerdings hat der Berufsverband reagiert, bietet zur Sicherung der hohen Qualitätsansprüche spezifische Fortbildungen für Sachverständige an und hat in Zusammenarbeit mit dem OGH eine Richtlinie zur Erstellung von Gutachten herausgegeben (hier zu finden)

Ich hoffe, ich habe Ihnen helfen können und wünsche Ihnen alles Gute,
Andrea Koschier