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„Ich leide an
Aufschieberitis“

Von Dr. Andrea Koschier | Prokrastination – wenn wir an Aufschieberitis leiden und uns ob der unerledigten Arbeiten schuldig fühlen.

„Hallo Frau Koschier!

Mich würde Ihre Meinung zu folgendem Thema interessieren: Ich leide seit einiger Zeit an Prokrastination und den damit verbundenen Schuldgefühlen. Wissen sie einen guten Umgang damit?“

Hallo Frau B.!

Den Begriff Prokrastination musste ich erst nachschlagen, was ja in Zeiten von Internet und Wikipedia keinen großen Aufwand bedeutet. Sie leiden also unter Aufschieberitis und fühlen sich ob der unerledigten Arbeiten schuldig.

Was soll ich sagen? Seit Wochen wartet die Redaktion des Zauberfuchses auf eine neue Kolumne von mir. Und mit jedem Tag, an dem ich diese nicht schrieb, sondern vor mir herschob, nahmen meine Schuldgefühle zu. Dann kam Ihre Mail und ich hatte eine Aufgabe! Worauf wartete ich noch? Ich entschuldige hiermit aufrichtig für meine späte Antwort bei Ihnen, es tut mir ehrlich leid! Ich hätte die Kolumne längst schreiben können. Ich hätte auch endlich das Wohnzimmer entstauben können. Ich sollte längst zum Friseur. Ich sollte endlich die Weihnachtsdekoration verräumen. Ich sollte für drei Personen insgesamt vier Arzttermine organisieren (seit mindestens drei Jahren fehlen meine halbjährlichen Gesundenuntersuchungen). Ich sollte meine Steuerangelegenheiten regeln. Aber wenn ich das mache, wird das noch mehr Folgearbeit nach sich ziehen (bei diesen wirren Beschäftigungsverhältnissen kein Wunder). Ich sollte einen Vorhang nähen (den Stoff habe ich im September gekauft – aber eh erst 2014). Ich sollte mehr, regelmäßiger und gesünder kochen, dazu sollte ich eine Einkaufsliste schreiben, dazu sollte ich meinen Haushalt in Griff haben. Ich sollte mein Büro aufräumen. Ich sollte meine Pflanzen besser behandeln. Ich sollte mehr Sport machen, sonst meldet sich meine Bandscheibe wieder. Als Mutter sollte ich mehr spielen, weniger schimpfen, besser begleiten, mehr vertrauen. Ich sollte mich mehr um meine sozialen Kontakte kümmern, solange es sie

Lebenswert

noch gibt. Ich sollte endlich meine Therapieausbildung abschließen. Dazu sollte ich endlich meine Therapiestunden fertig dokumentieren und meine Abschlussarbeit schreiben. Wenn ich dann abgeschlossen habe, wird man mir sagen, dass ich 1) als Klinische Psychologin, 2) als Gutachterin und – jetzt neu, hurra! – 3) auch als Psychotherapeutin 1) diverse Mitgliedsbeiträge 2) diverse Haftpflicht- und Rechtsschutzversicherungen und 3) spezifische Fortbildungen brauche. Um da den Überblick zu behalten, sollte ich mir dringend ein System überlegen. Apropos System und Überblick: Mit Schaudern fällt mir ein, dass ich noch immer weder System noch Überblick über meine diversen Passwörter und anderweitigen Zugangsdaten habe. In den letzten Jahren war ich – meist gleichzeitig — bei der BVA, der TGKK und auch bei der SVA versichert. Die Unterlagen dazu liegen verstreut in diversen Ordnern, auch da wollte ich schon längst Ordnung schaffen. Das sollte ich wirklich endlich einmal alles angehen.

Was ich wirklich gemacht habe? Ich habe den Osterurlaub gebucht. Nur jetzt gerade, im Zug nach Salzburg, ist mir Ihre Anfrage wieder in den Sinn gekommen, und als die Landschaft so vorbeizog, gute Musik im Ohr, da hatte ich plötzlich Lust, gegen den allgemeinen Wahn der Machbarkeit anzuschreiben. Und während ich diese Kolumne schreibe, schaue ich auf meine To-do-Liste für die Zugfahrt: Vier Punkte bleiben unerledigt.

Die Frage ist nicht, ob wir etwas erledigen, sondern: Was muss warten oder bleibt liegen? Die Frage ist nicht, ob wir jemanden enttäuschen, sondern lediglich wen. Wie Banker mit waghalsigen Finanzkonstruktionen jonglieren wir mit unseren Schuldgefühlen. Vielleicht wäre Cross-Border-Leasing eine Lösung. Ich biete hiermit meine Schuldgefühle zum Verkauf an. Sollte ich wieder Bedarf an ihnen haben, melde ich  mich verlässlich zwecks Rückleasing.

Liebe Grüße,
Andrea Koschier