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punktierte Linie

Eine Art Krampusgeschichte

Von Dr. Andrea Koschier | Man muss gar nicht verkleidet auftreten, um sehr unangenehm aufzufallen.

Die Szene spielt in einem x-beliebigen Regionalzug der ÖBB. Zum Beispiel jenem, der a, 4. Dezember um 16.07 Uhr von I. nach H. fährt. Ein gut gefülltes, aber nicht überfülltes offenes Zugabteil. Die Szene beginnt, als ein ca. 50-jähriger Mann, füllig, leicht angetrunken, Bierdose in der Hand, durch den Zug geht. Der Zug fährt los.

Mann: „ Iatz suach i des Klo und bin in die folsche Richtung gongen. Des kunn ja amol passiern.“

Mann erblickt junge, bereits sitzende Frau und bleibt stehen.

Mann: „Isch do no frei?“

Junge Frau: „Ja.“

Mann nimmt Platz und mustert die junge Frau von oben bis unten und beginnt ein Gespräch.

Mann: „Wia alt bischn du?“

Junge Frau: „17.“

Mann: „So jung….. und wohin foarsch?“

Junge Frau: „Nach H.“

Mann: „Aso…17 Jahr… und wos willsch amol wearn?“

Junge Frau: „Weiß ich noch nicht.“

Mann rückt näher, mustert seine Nachbarin noch eindringlicher, beginnt leiser zu sprechen.

Mann: „ Also wia i 17 wor, hun i gwisst, wos i wearn will.“

Mann öffnet die Bierdose und beginnt zu trinken. Der jungen Frau ist das Gespräch sichtlich unangenehm, sie versucht, den Blickkontakt zu vermeiden, wirkt eingeschüchtert und verunsichert.

Lebenswert

Eine zweite Frau, ca. 40 Jahre alt, sitzt schräg gegenüber und beobachtet die Szene. Sie nimmt mit dem Mann Blickkontakt auf.

Der Mann bemerkt dies.

Mann zur zweiten Frau: „Wos willschn du? Wos moanschn du? Des Madl isch 17 und woaß nit, wos se will.“

Zweite Frau: „Was ich meine, ist folgendes: Ich beobachte diese Szene und sie gefällt mir gar nicht.“

Mann, aufgebracht: „Wos glabschn du? Du sogsch mir nit, dass i des Madl sexuell beläschtigt hun. Du bisch woll selber so oane? Du hosch sicha a ledigs Kind und koan Haberer.“

Zweite Frau: „Das tut nichts zur Sache. Ich sehe diese Szene und sie gefällt mir nicht. Diese Dame hat Ihnen mit nichts zu verstehen gegeben, dass sie an einem Gespräch mit Ihnen interessiert ist. Lassen Sie sie in Ruhe.“

Mann, noch aufgebrachter: „Du bisch sicher als Kind vergewoltigt worn. Und du, i sog dir wos: I bin Baumeischter und Inschenör. I bin Sochverschtändiger beim Gricht. I hun 600 Ungstellte und 5 Kinder, und du sogsch mir nit wos i tuan soll.“

Zweite Frau: „Doch das mache ich. Ich sage Ihnen, lassen Sie die Dame in Ruhe.“

Zweite Frau zur jungen Dame: „Möchten Sie den Sitzplatz wechseln?“

Junge Dame: „Ja, gerne.“

Die beiden Frauen wechseln die Plätze.

Der Mann sitzt alleine auf seinem Platz und schaut in seine Bierdose.