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Der menschliche „Winterschlaf“

Von Dr. Andrea Koschier | Winterdepression: „Ich habe Angst vor der dunklen Jahreszeit“

Grüß Gott Frau Koschier!

Ich bin unsicher, wie und wo ich beginnen soll, mein Leiden zu beschreiben. Eigentlich halte ich mich für einen grundsoliden, gesunden Menschen. Ich habe eine Familie, Hobbys, gute Freunde und einen spannenden Beruf. Wäre da nicht die Winterzeit und mit ihr die Depression. Begonnen hat dies vor ca. 5 Jahren (ich bin jetzt 52). Es begann schleichend, kaum merklich verfinsterte sich meine meine Stimmung in der dunklen Jahreszeit. Jedes Jahr, jeden Winter wurde es schlimmer. Ich schäme mich sehr, deswegen bin ich auch noch zu keinem Arzt gegangen. Früher hätte ich solche Menschen wie mich belächelt und gemeint, sie hätten wohl nichts zu tun. Jetzt bin ich selbst betroffen und fürchte die nächsten Monate. Ich habe Angst vor der lähmenden Müdigkeit, den dunklen Gedanken und vor allem vor der Anstrengung, niemanden merken zu lassen, wie es um mich steht.
Klaus M.

Grüß Gott Herr M.!

Zuallererst einmal: Sie sind mit Ihrem Leiden keineswegs allein. Wenn hundert Menschen unseren Briefwechsel lesen, sind zehn davon ebenfalls von der Winterdepression betroffen. Bei Ihnen und diesen zehn Prozent ist ein an sich völlig normaler körperlich-psychischer Ablauf ein wenig aus dem Ruder gelaufen: der menschliche „Winterschlaf“. Werden die Tage kürzer, gibt es also weniger Licht, dann reagiert unser Körper automatisch mit einer Hormonumstellung. Diese macht uns müde, antriebslos und steigert auch unseren Appetit.

Diagnostisch gehört die Winderdepression zu den „rezidivierenden“, also wiederkehrenden depressiven Störungen. Ein anderer Name dafür ist „Saisonal abhängige Depression“ kurz SAD. Von den Schwere des Leidens her kennen wir Abstufungen vom leichten Herbstblues bis zur voll ausgeprägten Winterdepression mit Selbstmordgedanken.

Viele Menschen versuchen gegen den Winterblues anzukämpfen, indem sie sich eine Lichtlampe

Lebenswert

anschaffen bzw. eine Lichttherapie durchführen. Die Idee ist, dass die vermehrte Aufnahme von (künstlichem) blauem Licht das Gehirn und damit den Körper täuschen soll: Der Winter ist vorbei, aufwachen! Aktivität! Hormone! Andere Menschen versuchen es mit der Methode „aufraffen“: Sie zwingen sich praktisch dazu, raus zu gehen, jeden Sonnenstrahl zu ergattern oder wissen auch, dass selbst ein bedeckter Himmel viel Licht abgibt und vertrauen auf den guten Effekt von Bewegung an der frischen oder auch eisigen Luft.
Wieder andere Menschen fühlen sich am besten versorgt, wenn sie sich mit Antidepressiva über diese schwierige Zeit retten.

Über eine spannende Strategie habe ich auch der Homepage von Werner Stangl (hier zu finden) gelesen: „Boykottieren Sie das allgemeine Klagen über Kälte und Dunkelheit, denn das macht die Stimmung nur noch schlechter. Passen Sie sich lieber der Natur an, und schalten Sie auch einen Gang runter. Nutzen Sie die langen Abende für Ihr persönliches ,Cocooning’ und machen Sie es sich zu Hause so richtig gemütlich mit Kerzen oder Kaminfeuer, Tee, Glühwein, einem guten Buch und einer kuscheligen Decke. Planen Sie auf der Couch Ihren nächsten Sommerurlaub und träumen Sie schon mal von Sonne und Meer. Oder laden Sie Freunde zum Heimkino-Abend mit alten Lieblingsfilmen auf DVD und selbst gemachtem Popcorn ein.“

Eine gute Freundin sagte mir folgenden Satz: „Im Winter wachsen eben keine Rosen. Im Winter pflege ich die Rosenstöcke und beschütze sie, damit sie im Sommer wieder blühen können.“
Abschließend möchte ich Sie um einen Versuch bitten: Denken Sie an einen Ihrer schönsten Momente, der Ihnen ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann. Gefunden? Womöglich denkt Ihr Gehirn jetzt für einen kurzen Momente an gute Laune. Vielleicht mögen Sie das vergessen, vielleicht aber mögen Sie immer wieder einmal kurz an gute Momente denken, die Sie wärmen!

Alles Gute für die kommenden Herausforderungen wünscht Ihnen
Andrea Koschier