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Traumatische Geburt: Das Recht auf Trauer

Von Dr. Andrea Koschier | Wenn die Geburt eines Kindes so ganz anders verläuft, als es sich die Mutter erhofft hat: Die ganze Geschichte zu erzählen, kann helfen.

Hallo Frau Koschier!

Ich habe vor fünf Wochen ein Baby bekommen. Mein Mann und ich haben es uns sehr gewünscht. Das Baby ist gesund und die meiste Zeit über zufrieden und glücklich. Nur ich selbst bin nur noch am Heulen. Erst dachte ich, das sei der Babyblues, das geht vorüber, aber es wurde im Gegenteil immer schlimmer.
Ich strenge mich sehr an, die Bedürfnisse meines Kindes zu erfüllen. Ich glaube, dass es meinem Baby an nichts fehlt. Aber in mir ist kein Mutterglück, keine Freude, es ist Leere und immerzu muss ich an die Geburt denken. Sie war so anders als erhofft. Ich wollte eine sanfte und natürliche Geburt, leider ist es nach viel Schmerz und Hektik ein Notkaiserschnitt geworden. Immer wieder bin ich in dieser Leere und einer Art Schleife gefangen. Meine Umwelt meint, ich soll mich doch über mein Kind freuen, aber mir ist nur zum Heulen. Sie werden mir sicher raten, mir bei Fachleuten Hilfe zu holen, das habe ich auch schon versucht. Aber ich wurde nicht ernst genommen, sondern abschätzig behandelt. Ich habe große Angst, eine richtige Depression zu bekommen und weiß nicht, wo ich mir Hilfe holen soll.

Hallo Frau S.!

Ihre Zeilen haben mich sehr berührt, es tut mir leid zu hören, dass man Sie in Ihrer Not nicht ernst nahm. Sie leben derzeit in äußerst schwierigen Umständen. Ich kann mir gut vorstellen, wie viel Mühe es Sie kostet, den Alltag mit dem Baby zu bewältigen. Tag für Tag und Nacht für Nacht. Aus vielen Gesprächen mit jungen Müttern weiß ich: Sie sind nicht allein. Und ja, Sie haben Hilfe verdient. Vielleicht kann ich Ihnen mit den folgenden Zeilen ein wenig Mut und Zuversicht, aber auch Orientierung geben:

Ich kann nicht sozusagen aus der Ferne sagen, ob Sie eine postpartale Depression haben. Dies wäre aber anhand einiger kurzer Fragen innerhalb weniger Minuten einfach feststellbar. Sie schreiben

Lebenswert

weiters, dass Sie große Angst hätten, eine „richtige“ Depression zu entwickeln. Ich nehme an, Sie meinen damit eine „Major Depression Episode“. Auch dazu kann ich natürlich auf die Distanz keine seriösen Angaben machen. Was ich aber weiß ist, dass Angst unseren Stresslevel enorm erhöht. Damit wird weiters die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das gefürchtete Ereignis in Zukunft eintritt.
Ich verfolge aber einen anderen Gedankengang: Sie schreiben von einer schwierigen, desillusionierenden Geburt. Sie schreiben davon, dass Sie immerzu „in Schleifen“ über die Geburt nachdenken, während die Umwelt ihnen zu verstehen gibt: Jetzt freu dich doch! Sie aber knabbern am Geburtserlebnis. Und sie kommen nicht dazu, dieses Erlebnis zu Ende zu denken, zu betrauern und dann als Erinnerung abzulegen, dafür sind Sie viel zu sehr mit Grübeln und Funktionieren beschäftigt. Ich denke aber, es braucht ein Betrauern der Geburt, ein Erzählen der dramatischen und vielleicht traumatischen Erlebnisse, mit allem „Drum und Dran“, damit diese dann in der Erinnerung ihren Platz bekommen und dort auch Ruhe geben. Dazu würde ich Ihnen dringend raten, kurzfristig psychotherapeutische Hilfe anzunehmen.

Erst dann, denke ich, ist der Weg frei für die Freude über das Baby. Habe ich Recht mit meiner Vermutung, dass Sie noch nie jemanden die Geschichte „ganz“ erzählt haben? Weiß denn Ihr Mann, wie es um Sie steht?

Lassen Sie sich alle Zeit der Welt zu trauern und traurig zu sein, Sie haben ein Recht darauf. Trauer ist ein Prozess, der durchlaufen werden muss, da gibt es keine Abkürzung. Meine Hypothese ist, dass Ihr seelischer Zustand dies von Ihnen einmahnt.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer jungen Familie von Herzen das Allerbeste und ich hoffe, Sie finden offene Ohren für ihre Erzählungen,
Andrea Koschier