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Alleine
im Bett

Von Dr. Andrea Koschier | Wie kann mein Kind alleine schlafen lernen?

Familie U. schreibt:

Hallo!
Mein Mann und ich versuchen seit längerer Zeit, unsere Tochter (9 Monate) dazu zu bringen, alleine in ihrem Zimmer einzuschlafen. Alle unsere Versuche schlugen bisher fehl. Sie weigert sich verzweifelt und erfolgreich. Nun haben wir uns das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ gekauft und uns über die darin enthaltenen Empfehlungen – das so genannte „Färbern“ – informiert. Nun sind wir noch verwirrter: Das Buch scheint ja die Menschheit in zwei Lager zu spalten. Die einen lieben es, die anderen hassen es. Vielleicht kennen Sie diese Methode und können uns dazu etwas sagen. Wir wären Ihnen sehr dankbar!

Liebe Familie U.!

Dieses Thema ist auf drei Ebenen zu betrachten:
Sie können Ihrer Tochter das Einschlafen nicht in dem Sinn beibringen, wie Sie ihr das Laufen beibringen. Schlaf ist ein physiologischer Zustand, der nicht von außen bewusst und gezielt herbeigeholt werden kann. Weder bei einem Kind noch bei einem Erwachsenen. Von daher ist der Titel des Buches, welches Sie erwähnen, zugkräftig, aber irreführend. Es gibt wenige Bücher dieses Genres, die sich so gut verkaufen.
Das „Färbern“ – benannt nach seinem „Erfinder“ Dr. Färber – soll so funktionieren: Das Kind wird nach einem Abendritual wach in sein Bettchen gelegt, wo es alleine einschlafen soll. Die Eltern verlassen rasch das Kinderzimmer. Normalerweise beginnen Kinder, welche dies nicht gewohnt sind, nach den Eltern zu rufen (dies ist ein Zeichen dafür, dass ihr „Bindungssystem“ aktiviert wurde). Die Eltern warten vor der Tür eine bestimmte, vereinbarte Zeit ab (z.B. vier Minuten) und gehen erst nach Ablauf dieser Zeit wieder ins Kinderzimmer. Dort soll das Kind im Bettchen beruhigt werden, aber nicht herausgenommen werden, um es nicht erneut zu verwirren. Danach verlassen die Eltern wieder das Zimmer. Das Prozedere wiederholt sich so oft und so viele Nächte, bis das Kind resigniert und akzeptiert: Ich muss alleine einschlafen.

Wie Sie richtig schreiben, scheiden sich an dieser Methode die Geister. Für die einen Eltern ist sie Rettung in höchster Not, die anderen halten die Methode für Kindesmisshandlung. Ich möchte Ihnen einige Informationen zum „Erfinder“ Dr. Färber geben: Färber war ein sehr erfahrener amerikanischer Kinderarzt, spezialisiert auf die Behandlung von kindlichen Schlafschwierigkeiten. Er entwickelte diese Methode für eine sehr spezielle Gruppe: Für Kinder ab dem 1. Geburtstag, welche an einer sehr ausgeprägten Schlafstörung leiden und für deren Eltern, welche aufgrund dieser für sie unerträglichen Situation kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Für solche Familien kann diese Methode ein Segen sein und eine Kindesmisshandlung, z.B. das Schütteln eines

Lebenswert

Kindes verhindern. Dennoch sollte die Methode von Eltern nicht auf eigene Faust, sondern nur in Absprache mit einer Fachkraft oder dem Kinderarzt durchgeführt werden.

Aus dieser Methode zur Krisenintervention ist mit dem Erscheinen des Buches „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von Fr. Kast-Zahn ein Verhaltensmanual für alle Kinder und ihre Familien geworden. Dies bedeutet, dass das Programm auch bei Kindern angewandt wird, bei denen schlicht die Indikation fehlt und mit der richtigen Beratung sanftere und auf längere Frist erfolgreichere Wege beschritten werden könnten.

Weiters werden mittlerweile auch Kinder unter einem Jahr mit der Methode behandelt. Dies ist aus entwicklungspsychologischer Sicht ein wichtiger Aspekt. Denn wir gehen davon aus, dass sich im Laufe der ersten zwei Lebensjahre „Objektpermanenz“ entwickelt. Dies bedeutet, dass Kinder ab einem gewissen Alter – meist gegen Ende des ersten Lebensjahres – verstehen, dass eine Person, welche das Zimmer verlässt, auch außerhalb der Sichtweite weiter existiert. Von jüngeren Kindern nimmt man an, dass sie dies nicht wissen. Von daher könnte gelten: „Ich seh’ dich nicht, ich weiß nicht, ob du noch lebst. Also rufe ich nach dir, damit du wieder kommst.“

Leider schreiben Sie wenig über Ihre persönliche Situation. Deshalb kann ich Ihre Frage, wie Sie Ihre Tochter zum Einschlafen bringen können nur mit Gegenfragen beantworten:
•   Was würde passieren, wenn alles so weiterliefe wie bisher?
•   Warum soll Ihre Tochter alleine einschlafen? Wurde Ihnen gesagt, dass Kinder alleine einschlafen lernen müssen oder möchten Sie und Ihr Mann Zeit für sich gewinnen?
•   Sind Sie und Ihr Mann sich wirklich völlig klar und einig darüber, wie Ihre Tochter einschlafen soll? Wenn ja, wie soll dies aussehen? Wer soll welche Aufgabe übernehmen? Gibt es einen Plan B (was machen wir, wenn sie nicht aufhört zu schreien)?
•   Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Tochter tagsüber genügend Nähe, Sicherheit, Struktur und Spiel bekommt?
•   Sollte Ihre Tochter nachts weinen, haben Sie das Gefühl, dass sie dies eher aufgrund von Ängstlichkeit und Unsicherheit oder aufgrund von Sturheit und Gewohnheit macht?

Aber die wichtigsten Fragen sind folgende: Was funktionierte bislang in Ihrer Familie gut? Womit machten Sie gute Erfahrungen? Wie können Sie dies auf die aktuelle Situation übertragen?
Vielleicht können Ihnen diese Fragen Ihren Weg und Ihr Ziel verdeutlichen.

Ich wünsche Ihnen dazu alles Gute!
Andrea Koschier