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Stillen oder nicht stillen?

Von Dr. Andrea Koschier | Was tun, wenn Mama und Kind durch das Stillen extrem gestresst werden?

Frau B. schreibt:

Hallo Frau Koschier!
Ich habe vor vier Wochen mein erstes Kind, einen Buben, geboren. Bislang habe ich ihn gestillt. Von Geburt an bekam er jedoch zusätzlich das Fläschchen, da er unaufhörlich schrie und ganz klar nach mehr Nahrung verlangte, als ich ihm durch das Stillen bieten konnte. Überdies verlor er nach der Geburt zu viel an Gewicht. Mittlerweile ist es so, dass mein Sohn immer weniger an der Brust trinken möchte und beim Stillen ein richtiges Theater veranstaltet. Er bäumt sich auf, trinkt hastig, reißt sich weg, verschluckt sich, schwitzt, schreit. Ganz anders verhält er sich, wenn er aus der Flasche trinkt: Er trinkt ruhig, liegt in meine Armbeuge geschmiegt und schaut mich ruhig und zufrieden an.

Soll ich das Stillen weiter versuchen oder lieber ganz auf Fläschchennahrung umsteigen? Vor der Geburt war für mich klar, dass ich mein Kind sechs Monate voll stillen möchte, ganz so, wie es überall empfohlen wird. Ich habe auch von den vielen Vorteilen des Stillens gelesen. Nun bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich habe das Gefühl, ich kann nur falsch entscheiden. Stille ich ab, fehlen meinem Sohn wichtige Nährstoffe der Muttermilch und ich bin womöglich Schuld, sollte er später eine Allergie entwickeln. Stille ich weiter, dann quäle ich ihn womöglich, trage Schuld an seinen Bauchschmerzen und nehme in Kauf, dass er nicht genügend Nahrung zu sich nimmt. Ich wäre froh, wenn Sie mir sagen könnten, ob es meinem Kind schadet, wenn ich abstille.

Liebe Frau B.!

Dieses Thema ist auf drei Ebenen zu betrachten:
•  Ernährung: Hier gibt es viele widersprüchliche Studien. Während die einen die Vorteile des Stillens propagieren und positive Effekte auf die Gesundheit und sogar die (spätere) Intelligenz der gestillten Kinder entdeckt haben wollen, kommen andere zum Ergebnis, die Muttermilch sei aufgrund der Umweltverschmutzung durch Schadstoffe belastet und daher abzulehnen. Meine Meinung ist, dass Kinder sowohl über Jahre gestillt werden können, als auch sehr früh an andere Nahrungsformen gewöhnt werden können. Einerseits hat die Natur dies wunderbar eingerichtet. Andererseits springen menschliche Erfindungen dort ein, wo die Natur ihre Grenzen hat – zum Vorteil des Babys.

•  Psychologie: Aus psychologischer Sicht spielt es absolut keine Rolle, ob eine Mutter ihr Kind stillt

Lebenswert

oder mit dem Fläschchen ernährt. Einzig wichtig ist die Art und Weise, wie ein Kind dabei umsorgt wird und welche Haltung die Mutter dem Kind gegenüber hat. Hautkontakt, Sicherheit und Nähe sind unabhängig von der Nahrungsform. Beobachtet man einen trinkenden Säugling, kann man feststellen, dass das Kind die Augen der Mutter sucht, sobald sein Mund die Nahrungsquelle gefunden hat. Die Säuglingsforschung weist seit mittlerweile 70 Jahren darauf hin, dass der Säugling weniger „orale Befriedigung an der Mutterbrust“ zum Ziel hat, sondern vielmehr Kommunikation und Beziehungsaufbau mit seinen ersten Bezugspersonen, der Mutter und dem Vater. Dazu braucht er Halt und Blickkontakt.

•  Die soziale Ebene und die Alltagstauglichkeit: Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob eine Mutter sich „nur“ auf die Bedürfnisse eines Säuglings oder auf die Bedürfnisse mehrerer Kinder einzustellen hat. Im Fall kann das Stillen eine echte organisatorische und nervliche Herausforderung an die Familie darstellen. Die Haltung des Vaters spielt eine große Rolle: Fühlt er sich durch das symbiotische Stillen von seiner Familie ausgeschlossen, weil er keine Möglichkeiten sieht, seinem Kind nahe zu kommen, es zu beruhigen und seine Frau zu entlasten? Oder sieht er seine Rolle vorläufig eher als Beschützer und Versorger im Hintergrund? In Bezug auf die Alltagstauglichkeit ist zu klären, welches „System“ eher zur jeweiligen Familie passt. Welche Ernährungsform verursacht für alle Beteiligten am wenigsten Stress? Es geht nicht darum, die „richtige“ Entscheidung zu treffen, sondern dass die jeweilige Familie ihre Lösung findet und für sich perfektioniert.

Ihr Sohn hat womöglich Probleme damit, auf zwei unterschiedliche Arten ernährt zu werden; es scheint auch so zu sein, dass ihm das Trinken aus der Flasche leichter fällt. Sie könnten versuchen, die Prozedur umzudrehen, Ihrem Sohn zuerst ein Fläschchen für seinen größten Hunger zu geben und ihn anschließend zu stillen, um ihm die Nährstoffe der Muttermilch zukommen zu lassen. Wenn Sie und Ihr Baby sich aber dennoch verunsichert und gestresst fühlen, empfehle ich, das Stillen einzustellen. Richtig ist, was Ihnen selbst, Ihrem Sohn und Ihrer Familie guttut. Scheuen Sie sich nicht, sich in dieser Phase professionelle Unterstützung etwa bei einer Stillberaterin oder Hebamme zu suchen!

Viel Freude mit ihrem Baby wünscht
Andrea Koschier