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Geschockt von Bissattacke

Von Dr. Andrea Koschier | Ein Mensch, der unter einer Zwangsstörung leidet, möchte meist Unheil von sich und anderen abwenden.

Frau H. schreibt:

Hallo Frau Koschier,
ich bin ein großer Fussballfan und verfolge die WM mit Interesse. Geschockt hat mich allerdings die Bissattacke von Luis Suárez beim Spiel Uruguay gegen Italien. Sie haben sicherlich davon gehört. Ich frage mich nun: Warum macht ein Spieler so was? Und dann auch noch wiederholt, bei diesem Spiel ja bereits das dritte Mal. Kann das eine Form einer Zwangsstörung sein, sprich: Kann der Mann womöglich nicht anders? Im Freundeskreis diskutieren wir diese Frage heftig und ich wäre sehr an Ihrer fachlichen Ansicht interessiert.

Sportliche Grüße!

Hallo Frau H.,

ich denke nicht, dass sich aus Herrn Suárez’ Verhalten auf dem Fußballplatz eine Zwangsstörung ableiten lässt. Für Interessierte: Im Falle einer Zwangsstörung leiden Betroffene am inneren Drang, bestimmte Dinge zu denken (z.B. bestimmte Dinge im Alltag zu zählen) oder zu tun (zB. Reinlichkeitszwang). Die Zwänge werden vom Betroffenen als übertrieben und sinnlos erlebt und sind willentlich nicht kontrollierbar. Wie leicht vorstellbar ist, bringt dieses Leiden hohe Belastungen mit sich.

Weiters denke ich, dass sich Luis Suárez konträr zum Protoyp eines Menschen mit Zwangsstörung

Lebenswert

verhält. Ein Mensch, der unter einer Zwangsstörung leidet, möchte meist Unheil von sich und anderen abwenden und er überlegt so lange, bis es zu spät für eine Handlung oder Lösung ist.

Ich bin also nicht der Ansicht, dass Suárez in den Genuss einer Entschuldigung durch eine psychische Diagnose kommen sollte. Vielmehr denke ich, er zeigt auf dem Fußballplatz schlechte Manieren, hat seine Emotionen nicht unter Kontrolle, neigt in Situationen der Überforderungen dazu, seine Gegner zu beißen und er fuhr bisher gut genug mit seinem Verhalten. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Oder vielleicht doch noch eines: Ein befreundeter Sozialarbeiter wurde einmal gefragt, ob man seinem jugendlichen Schützling, der seit Jahren einen Blödsinn nach dem anderen angestellt und gerade seinen tollsten Blödsinn verzapft hatte, nun eine erlebnispädagogische Maßnahme in Afrika angedeihen lassen oder ihn besser in eine Spezialwohngemeinschaft nach Deutschland mit tollen pädagogischen Konzepten vermitteln sollte. Der Sozialarbeiter lehnte sich zurück und meinte: „Nachreifen in der Jugendhaft.“ – In diesem Sinne: „Luis Suárez, es interessiert keinen, warum du dich wie ein Trottel aufführst. Aber eines wissen wir: Bei uns spielst du so lange nicht mehr mit, bis du endlich unsere Regeln akzeptierst.“

Viele Grüße,
Andrea Koschier