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punktierte Linie

Wegtherapieren geht nicht

Von Dr. Andrea Koschier | Wenn eine Klientin im Widerstand ist, haben ihr BehandlerInnen vielleicht bloß noch nicht das richtige Angebot gemacht.

Herr L. schreibt:
Hallo Frau Koschier,
vielen Dank für Ihre Antwort auf meine Frage zum Thema „Borderline“ (siehe Episode 15). Sie hat mir geholfen, die Dinge klarer sehen zu können. Das Verhalten meiner Freundin ist für mich nun besser zu verstehen. Ich erlaube mir, Ihnen heute nochmals zu schreiben, denn es haben sich weitere Fragen aufgetan.

Was mich zur Zeit am meisten verunsichert, ist die Frage, wie es nun weitergehen soll. Bislang gab es etliche Gespräche, in denen Therapiemöglichkeiten besprochen wurden. Die behandelnden Ärzte möchten meine Freundin gerne an eine Spezialklinik in Deutschland verweisen, da diese ihr Therapiekonzept speziell auf Persönlichkeitsstörungen ausgerichtet habe. Dort soll sie mindestens zwölf Wochen lang bleiben und diverse Therapien (Einzel- und Gruppengespräche, Maltherapie, Ergotherapie etc.) erhalten. Eine ambulante Psychotherapie würde anschließen.

Das Problem ist: Meine Freundin verweigerte ihre Zustimmung zu allem. Sie ist der Ansicht, man wolle sie abstempeln und abschieben und reagiert verzweifelt bis wütend. Zuletzt haben wir (ihre Schwester, die Ärzte und ich) sie fast angebettelt, zumindest eine ambulante Psychotherapie zu beginnen. Aber egal, welche Argumente wir brachten, sie widersprach in allem. Die Ärzte gaben schließlich auf und meinten, es wäre keine „Compliance“ gegeben und meine Freundin wäre „im Widerstand“. Was soll das nun wieder heißen? Was können Sie uns raten?

Mit besten Grüßen,
Klaus L.

Lieber Herr L.,

ich habe mich sehr gefreut, nochmals von Ihnen zu hören – Ihr Vertrauen ehrt mich. Zu Beginn möchte ich Ihnen die erwähnten Begriffe erklären: Als „compliant“ wird eine Klientin oder Klient beschrieben, der einer psychotherapeutischen oder medizinischen Behandlung grundsätzlich positiv gegenübersteht. Demgegenüber wird diese Person als „widerständig“ bezeichnet, wenn die BehandlerInnen der Ansicht sind: „Dieser Mensch wehrt sich gegen meine Ansichten und Behandlung.“

Ihren Beschreibungen entnehme ich, dass das behandelnde Team an ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen auf Grundlage der Diagnose Borderline ein Behandlungskonzept erstellt hat: zuerst einmal intensiv stationäre und anschließend längerfristige ambulante psychotherapeutische Behandlung. Dagegen ist nichts zu sagen. Das Problem ist nur: Ihre Freundin sagt dazu sinngemäß: „Ohne mich!“ Und das behandelnde Team schließt daraus auf eine Eigenschaft Ihrer

Lebenswert

Freundin: nicht-compliant und widerständig. Hier bin ich anderer Ansicht. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass es auch möglich ist, Ihrer Freundin ein für sie annehmbares Angebot zu machen. Dies ist bislang offenbar noch nicht gelungen.

Weil: Wer die falschen Fragen stellt, kann nicht die richtigen Antworten bekommen. Ich würde nicht darüber diskutieren, ob etwas ambulant oder stationär oder gar nicht zu behandeln sei, sondern nach den Sorgen und Anliegen Ihrer Freundin oder von Ihnen beiden fragen. Weiters ist es nicht ausreichend, eine Diagnose zu stellen, weil sich daraus kein Behandlungskonzept ableiten lässt. Aus systemischer Sicht sind wir Menschen keine Maschinen, bei denen eine Schraube locker ist, sondern wir sind individuell, komplex, von außen nicht direkt beeinflussbar und wir handeln immer sinnorientiert. Also muss gefragt werden: Was kann dieser Mensch besonders gut? Welche Werte verfolgt dieser Mensch? Wie können wir das Umfeld (und damit auch die Therapie) möglichst so gestalten, dass sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, bei diesem speziellen Menschen eine für ihn positive Entwicklung einzuleiten? Daraus kann dann ein maßgeschneidertes Behandlungskonzept gemeinsam mit der Klientin oder dem Klienten entworfen werden. Mehr kann und soll Psychotherapie nicht sein.

Viele Menschen tun sich auch schwer, ein Behandlungsziel zu beschreiben. Es ist kein Ziel und gar keine gute Idee, das Problem „wegzutherapieren“. Das geht völlig am Verständnis Ihrer Freundin vorbei. Natürlich sagt sie dazu nein. Denn dieses Problemverhalten war ja bislang die bestmögliche, logischste und auch einzige Lösung im Leben Ihrer Freundin. Sie erlebt es als stimmig, als zu ihr gehörig. Ich denke, in erster Linie kann es nur darum gehen, Ihre Freundin zu schützen (vor negativen inneren und äußeren Bildern und Gedanken), sie zu stärken (heute bin ich nicht mehr hilflos, heute habe ich liebevolle Menschen um mich). Dann könnte versucht werden – aus einer gestärkten Position heraus – gemeinsam mit ihr das eigene Verhalten verständlicher zu machen, sodass sie diesem Leiden nicht mehr hilflos ausgeliefert ist und möglicherweise Alternativen entwickeln kann. In einem weiteren Schritt könnte dann dazu übergegangen werden, zu analysieren, ob Ihre Freundin möglicherweise, nur so als Gedankenexperiment, sich eine kleine Änderung vorstellen könnte…. Aber: langsam, langsam!

Ich bin überzeugt davon, dass es möglich ist, Ihrer Freundin ein „passendes Angebot“ zu machen und sie für eine Therapie zu gewinnen.

Viele Grüße,
Andrea Koschier