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Was ist
Borderline?

Von Dr. Andrea Koschier | Meine Freundin konnte mich im einen Moment anhimmeln, um mich – einen Satz später – zu beschimpfen.

Herr L. schreibt:

Hallo Frau Koschier,
vor einigen Monaten habe ich eine junge Frau kennen gelernt. Seit ca. acht Wochen sind wir ein Paar. Meine Freundin ist eine unkonventionelle, interessante Persönlichkeit. Das macht einen großen Teil ihrer Anziehungskraft – nicht nur auf mich – auf. Sie ist immer der Mittelpunkt einer Runde. Wo sie ist, wird am lautesten gelacht. Nach einiger Zeit fiel mir auf, wie labil und unberechenbar sie ist. Beispielsweise konnte sie mich im einen Moment anhimmeln, um mich – einen Satz später – zu beschimpfen, um dann in Tränen auszubrechen, wollte ich dann gehen, versuchte sie verzweifelt, mich am Gehen zu hindern. Manchmal schien sie völlig „neben sich“ zu stehen. Dies belastete unsere Liebe mehr und mehr. Und je mehr ich ihr zu verstehen gab, dass ich so nicht weiter machen konnte, umso vehementer und auch verzweifelter verhielt sie sich. Vor ein paar Tagen kam es zu einer schlimmen Szene, ich wollte die Beziehung beenden. Darauf hin drohte sie damit, sich umzubringen. Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen und brachte sie in die Klinik. Man hat sich dort sehr liebevoll um sie gekümmert und es wurde nach einer sehr eingehenden Untersuchung die Diagnose „Borderlinestörung“ gestellt. Ich versuche nun, alles was ich von meiner Freundin weiß mit dem in Einklang zu bringen, was ich über die Störung in Erfahrung gebracht habe – es mag mir nicht recht gelingen. Können Sie mir sagen, was eine solche Störung auslösen kann und was sie ausmacht bzw. woran man sie erkennen kann?
Mit besten Grüßen,
Franz L.

Hallo Herr L.,
vielen Dank für Ihren Brief. Was Sie zurzeit erleben, ist ohne Zweifel sehr belastend – für Sie und für Ihre Freundin. Ich möchte Ihnen gern zu Beginn einen Überblick über die Einteilungsversuche psychischer Leidenszustände geben: Die Diagnosemanuale teilen diese in verschiedene Klassen ein (z.B. die Klasse der Angststörungen). Eine dieser Klassen umfasst Persönlichkeitsstörungen. Dort zugeordnet wird die Borderlinestörung (auch bekannt als emotional instabile Persönlichkeitsstörung). Eine Diagnose wird dann vergeben, wenn mindestens fünf aus neun benannten Kriterien vorliegen.

Was die Borderlinestörung ausmacht, wird so definiert:
• starkes Bemühen, Verlassen werden zu vermeiden („Du darfst nicht gehen!“)
• intensive, aber instabile zwischenmenschliche

Lebenswert

Beziehungen mit einem Wechsel zwischen Idealisierung („Du bist mein Leben!“) und Entwertung des jeweiligen Partners („Du bist das Letzte!“)
• Identitätsstörung: Es fällt den Betroffenen schwer, sich als „eine“ Person zu erleben mit teils widersprüchlichen Aspekten, sondern diese Aspekte stehen unverbunden nebeneinander.
• Impulsivität in mehreren Bereichen (z.B. Drogen, Sexualität, Geld ausgeben).
• Suizidale Handlungen oder Androhungen („Wenn du gehst, bringe ich mich um!“) und Selbstverletzungen (z.B. Ritzen)
• Emotionale Instabilität und starke Stimmungsschwankungen (z.B. misslaunig, reizbar, ängstlich)
• Chronisches Gefühl von Leere („Ich fühle nichts.“)
• Unangemessene, heftige und unkontrollierbare Wut
• Paranoide Vorstellungen (z.B. extremes Misstrauen) und schwere dissoziative Symptome. Dissoziation ist die Fähigkeit, Dinge die zusammengehören, als getrennt wahrzunehmen. So können sich z.B. Verbrechensopfer als „außerhalb“ ihres Körpers wahrnehmen.
Zu Ihrer Frage, wie es zu einer Borderlinestörung kommen kann: Es gibt mehrere Theorien dazu. Zentral jedoch ist die Idee, dass die Betroffenen in ihrer frühen Kindheit – der verletzlichsten Phase menschlicher Entwicklung – mehrfach traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren. Damit gemeint sind z.B. sexuelle Übergriffe, andauernde physische und psychische Gewalt oder mehrfache Verlusterfahrungen wichtiger Menschen.
Diese Kinder mussten, um zu überleben, besondere Verhaltensweisen, wie z.B. die Fähigkeit zu dissoziieren („was da passiert, passiert gar nicht mir – ich fühle nichts“), und bestimmte Beziehungsmuster entwickeln (z.B. „traue niemandem“, „ ich brauche dich für mein Überleben“). In der Folge mag sich die Umwelt der Betroffenen verändert haben, möglicherweise sind die Betroffenen nun von liebevollen Menschen umgeben. Das Problem besteht nun darin, dass diese Verhaltensweisen und Beziehungsmuster aber weiter existieren, auch wenn sie nun keinen „Sinn“ mehr haben, sondern den Betroffenen ein zweites Mal Leid bescheren: Es ist für sie nur unter größter Anstrengung möglich, ein „normales“ Leben und „normale“ Beziehungen zu leben.
Ich hoffe, dass diese Informationen dazu dienen, das scheinbar sinnlose Verhalten ihrer Freundin ein wenig verstehbar zu machen.

Viele Grüße,
Andrea Koschier