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Werden Kinder verweichlicht?

Von Dr. Andrea Koschier | Erziehungsratgeber können nicht mehr sein als eine Gebrauchsanweisung.

Frau M. schreibt:
Sehr geehrte Frau Dr. Koschier!
In den Siebzigerjahren habe ich unter schwierigen Umständen vier Kinder groß gezogen. Ich hatte dabei keine familiäre Unterstützung. Mein Mann schuftete bis zum Umfallen, um unsere Familie zu ernähren. Luxus konnten wir uns nicht leisten. Es gab keine Kinderkrippe, wo ich die Kinder hätte abgeben können. Ich darf sagen, dass aus allen vier Kindern tüchtige und anständige Erwachsene geworden sind. Wenn ich die Diskussionen der heutigen jungen Eltern und Artikel über Erziehungstipps verfolge, dann muss ich sagen: Wir hätten damals keine Zeit gehabt, uns um solche Kleinigkeiten zu kümmern und zu jammern. Ich habe auch Ihre Artikel über Schrei- und Schlafprobleme von Säuglingen gelesen und kann Ihnen nicht zustimmen. Wenn die Mütter sich nur mehr um ihre Kinder und weniger um ihre Karrieren kümmern würden, wenn sie ihre Kinder weniger verweichlichen und sie frühzeitig an klare Grenzen gewöhnen würden, würden die Probleme innerhalb von wenigen Tagen verschwinden. Auch das ganze Theater rund um Geburt zeigt die Verweichlichung – Kaiserschnitt und PDA! Kaum eine Frau kann noch ihr Kind natürlich auf die Welt bringen. Das jedenfalls sagen mir meine Erfahrung und mein gesunder Hausverstand.
Mit freundlichen Grüßen

Sehr geehrte Frau M.!

Leider verfüge ich nicht über Ihren großen Erfahrungsschatz. Weder gehöre ich Ihrer Generation an, noch habe ich vier Kinder groß gezogen. Vermutlich haben Sie Recht, wenn Sie schreiben, dass Eltern früher andere Sorgen hatten. Vielleicht ist es so, dass jede Zeit an Eltern andere Herausforderungen stellt. Ich bin mir sicher, dass zu allen Zeiten in allen Ländern der Welt Eltern ihr Bestes geben. Wie dieses „Beste“ aussieht, darüber gehen jedoch die Meinungen auseinander. Wie Sie richtig schreiben, mangelt es nicht an Erziehungsratgebern und von der so genannten Gesellschaft werden an Eltern Ansprüche gestellt, wie die Erziehung „der Kinder“ auszusehen hat. Ich bin der Meinung, dass es „das Beste“ nicht geben kann, weil es „das Kind“ nicht gibt. Jedes Kind ist einzigartig. So gesehen können Erziehungsratgeber nicht mehr sein als eine Gebrauchsanweisung, die Kinder als Gegenstände betrachten.

Worin ich mit Ihnen nicht übereinstimme, ist Ihr Urteil, Mütter müssten sich nur mehr bemühen und strenger sein, dann würden sich alle Probleme rasch lösen. Sie sind zwar mit dieser Meinung nicht allein. Schon öfters habe ich Sätze gehört wie: „In Afrika würde es so etwas nicht geben, das ist alles ein Produkt unserer westlichen, stressigen Lebensweise.“ Solche Aussagen sind für betroffene Eltern sehr verletzend und auch unrichtig:

Lebenswert

Ein Großteil der Geburtskomplikationen und der Schwierigkeiten des Säuglings sind den evolutionären Veränderungen geschuldet. Das menschliche Gehirn hat sich über die Jahrtausende vergrößert und das Becken der Frau wurde bedingt durch den aufrechten Gang enger. Was bedeutet dies für die Geburt? Ein größer gewordener Kopf muss durch ein enger gewordenes Becken. Die Natur hat dieses Problem auch dadurch zu lösen versucht, indem sie die „Tragezeit“ verkürzte. Wir sprechen deshalb von den ersten Lebenswochen eines Säuglings als einer „Phase der physiologischen (körperlichen) Unreife“. Kein anderes Säugetier kommt derart hilflos zur Welt wie ein Menschenkind.

Über viele zehntausend Jahre, in allen Kulturen der Welt, haben werdende Mütter bei der Geburt ihr Leben riskiert – und nicht selten verloren. Tragischerweise hadern Mütter mit sich selbst und sind zutiefst unglücklich, wenn sie ihr Kind nicht „natürlich“ und aus „eigener Kraft“ entbinden, sondern durch einen Kaiserschnitt „entbunden werden“. Ihnen möchte ich sagen: Es gibt keine richtige oder falsche Geburt. Aber es gibt hilfreiche und weniger hilfreiche Umstände. Sie als Mutter haben in jedem Fall Ihrem Kind das Leben geschenkt und Sie haben viele Jahre Zeit, Ihrem Kind Nähe, Sicherheit und Liebe zu geben.

Weiters verdankt eine Vielzahl an Kindern ihre schiere Existenz der modernen Medizin. So gesehen stimmt der Satz, wir haben es hier mit einer westlichen „Errungenschaft“ zu tun, denn manche Kinder hätten bei schlechterer medizinischer Versorgung nicht überlebt. Diese Kinder sind jedoch stark irritiert und drücken diese Irritation über Schreien aus – stundenlang, tagelang, wochenlang.

Anschreiben möchte ich auch gegen die Einstellung, mit dem richtigen Verhalten würden sich Schreien und Nicht-Schlafen rasch geben. Manchmal kann nichts und niemand das Schreien stoppen und den Schlaf bringen. Was wir aber tun können sind zwei Dinge: Dem Säugling so lange Nähe und Sicherheit geben, ihn viele Male liebevoll und mit Sicherheit durch seine Schreiphasen und in den Schlaf zu begleiten, bis er Vertrauen gefasst hat. Und wir können und müssen Eltern nach Kräften darin unterstützen, damit sie diese Zeit durchstehen.

Was Eltern nicht brauchen, sind Feststellungen von außen über Schuld und Ursache. Sie können sicher sein, mit diesem Thema quälen sich die Eltern bereits selbst zur Genüge.

Mit besten Grüßen,
Andrea Koschier