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Mutter fähig, das Kind zu erziehen?

Von Dr. Andrea Koschier | Ein Gutachten soll klären, ob bei einer Mutter die Erziehungsfähigkeit gegeben ist.

Frau L. schreibt: Hallo Frau Koschier, ich habe Ihre letzte Kolumne zur Gutachtenserstellung gelesen. Auch über mich (strittige Scheidung und Sorgerechtsstreit um das gemeinsame Kind) wird gerade ein solches Gutachten erstellt. Dazu hätte ich einige Fragen und ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen. Das Gutachten soll klären, ob bei mir die „allgemeine und spezielle Erziehungsfähigkeit“ gegeben ist. Weiters soll der „Bindungsstatus“ unseres Kindes überprüft werden. Ein weiterer Punkt betrifft die „Bindungstoleranz“. Ich kann mir zwar in etwa vorstellen, was unter den jeweiligen Begriffen gemeint ist, vielleicht liege ich aber auch völlig daneben. Daher wäre ich froh, wenn Sie diese Begriffe erklären könnten. Vielen Dank im voraus!

Liebe Frau L.,

gerne erkläre ich die Begriffe. Ich möchte vorwegschicken, dass es im psychologischen Bereich üblich ist, dass es zu einem bestimmten Begriff mehrere Definitionen gibt.

Unter allgemeiner Erziehungsfähigkeit wird die grundlegende Fähigkeit eines Elternteils oder der Eltern verstanden, die emotionalen und körperlichen Bedürfnisse eines Kindes zu erkennen, es angemessen zu versorgen, zu betreuen und auf die vom Kind signalisierten Bedürfnisse erzieherisch einzugehen. Mit anderen Worten: Es wird überprüft, ob Eltern grundsätzlich in der Lage wären, ein Kind zu versorgen. Dies könnte z.B. dann nicht gegeben sein, wenn Eltern an einer schweren chronischen Krankheit leiden oder das Kind schutzlos in einem kriminellen Umfeld aufwachsen würde.

Bei der speziellen Erziehungsfähigkeit geht es darum, ob ein Elternteil oder Eltern in der konkreten Lebenssituation die Bedürfnisse eines bestimmten Kindes wahrnehmen und beantworten können. Es könnte sein, dass aktuelle Lebensumstände (z.B. aktuelle Armut oder aktuelle extreme berufliche Belastungen) oder Anforderungen des speziellen Kindes (z.B. Behinderung) dazu führen, dass bei gegebener allgemeiner Erziehungsfähigkeit die spezielle Erziehungsfähigkeit – zumindest vorübergehend – negativ bewertet wird.

Grundsätzlich ist es möglich, sowohl die allgemeine als auch die spezielle Erziehungsfähigkeit als gegeben, teilweise gegeben oder nicht gegeben zu bewerten. „Teilweise gegeben“ bedeutet, dass

Lebenswert

Eltern bestimmte Bereiche ihrer Erziehungsaufgaben nicht selbst abdecken können, es aber möglich ist, diese Bereiche anderen Personen (z.B. der Oma oder professionellen Helfern) zu übertragen. Ist die Erziehungsfähigkeit „nicht gegeben“ bedeutet dies in der Regel, dass dem Gericht empfohlen wird, das Kind zumindest vorübergehend aus der Familie heraus zu nehmen.

Der von Ihnen erwähnte Begriff „Bindungstoleranz“ wird im Rahmen der speziellen Erziehungsfähigkeit überprüft. Mit Bindungstoleranz wird die Fähigkeit und Bereitschaft eines Elternteils bezeichnet, die Bindungen des Kindes zum anderen Elternteil zu respektieren und zu fördern. In der Praxis bedeutet dies, dass das Gericht wissen möchte, ob jener Elternteil, bei welchem das Kind hauptsächlich aufwachsen wird, in der Lage ist, die Beziehung zum „besuchenden Elternteil“ zu fördern und zu respektieren. Das Besuchsrecht ist ein grundlegendes Recht des Kindes (!) nach Fortführung bisheriger Bindungen.

Unter dem Überbegriff Bindungsstatus werden meistens folgende Fragen geklärt: Zu welchem Elternteil hat das Kind die engere Beziehung? Wie ist die Qualität der Bindungen des Kindes an die Elternteile? D.h: Ist das Kind sicher oder eher unsicher an die jeweiligen Elternteile gebunden? Um diese Fragen zu klären, liegen auf das Alter des Kindes abgestimmte Verfahren vor, die zudem verhindern sollen, das Kind einem Loyalitätskonflikt auszusetzen. Das Kind sollte also nicht gefragt werden, ob es lieber bei Mama oder Papa wohnen möchte. Tut das Kind allerdings freiwillig seinen Wunsch kund, so ist dies als „Kindeswille“ so weit wie möglich zu berücksichtigen.

Wenn Sie mehr über das Thema wissen wollen, kann ich Ihnen als Literaturtipp das von Renate Volbert und Max Steller herausgegebene „Handbuch der Rechtspsychologie“ (Verlag Hogrefe) empfehlen. Es richtet sich zwar primär an Sachverständige, ist jedoch auch für Nichtfachleute verständlich verfasst. Wovor ich warnen möchte, ist eine Internetrecherche in speziellen Foren, da die Diskussionen dort in der Regel hochemotional geführt werden, wenig Fachwissen vermitteln und so nur zur allgemeinen Verunsicherung beitragen.

Viele Grüße,
Andrea Koschier