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Eine strittige
Scheidung

Von Dr. Andrea Koschier | Ein Gutachten soll entscheiden, bei wem die Kinder hauptsächlich wohnen werden.

Frau A. schreibt:

Hallo Frau Koschier,

mein Mann und ich lassen uns nach elf Jahren Ehe scheiden. Es ist eine so genannte „strittige Scheidung“. Bevor wir uns aber scheiden lassen „dürfen“, muss die Frage geklärt werden, bei welchem Elternteil die Kinder hauptsächlich wohnen werden. Sowohl mein Mann als auch ich wollen die Kinder (wir haben zwei Mädchen im Alter von zwölf und neun Jahren) bei sich haben. Jetzt wurde eine Sachverständige mit einem Gutachten beauftragt. Ich kann mir darunter wenig vorstellen. Was wird jetzt passieren? Werden die Kinder befragt? Mir ist ein wenig mulmig zumute!

Liebe Frau A.,

mit 1. Februar 2013 ist das Kindschafts- und Namensrechts-Änderungsgesetz in Kraft getreten (mehr dazu ist hier zu finden). Dieses Gesetz brachte umfangreiche Neuerungen mit sich, wie z.B. dass die gemeinsame Obsorge im Falle der Scheidung prinzipiell aufrecht bleibt. Dennoch muss geklärt werden, bei welchem Elternteil die Kinder hauptsächlich wohnen werden. Um diese Frage zu klären, haben Gerichte die Möglichkeit, ein psychologisches Gutachten bei einem gerichtlich beeideten und zertifizierten Sachverständigen in Auftrag zu geben. Sachverständige sind Psychologinnen oder Psychologen mit speziellen Kenntnissen in diesem Bereich.
Was kommt nun konkret auf Sie zu?

Je nach familiärer Situation wird das Gericht spezielle Fragen formulieren. Z.B. welcher Elternteil scheint unter Berücksichtigung von … besser geeignet, die Erziehung der Kinder zu übernehmen? Oder: Wie sieht eine dem Kindeswohl dienliche Besuchsregelung aus? Die Sachverständige wiederum leitet daraus und aus Kriterien des Kindeswohls (etwa dass Kinder ein Recht auf Schutz und Sicherheit haben) psychologische Fragestellungen ab. In diesem Fall könnte eine Fragestellung z.B. lauten: Bei welchem Elternteil sind der Schutz und die Sicherheit der Kinder eher gewährleistet?

In einem weiteren Schritt entwirft die Sachverständige ein Untersuchungsdesign. Das

Lebenswert

heißt, sie überlegt sich: Was brauche ich, um die psychologische Fragestellungen beantworten zu können? Mit welchen Personen muss ich sprechen? Welche Informationen muss ich einholen? Welche Tests oder Fragebögen sollen eingesetzt werden?

Dann kann die so genannte Befundaufnahme beginnen. Sie werden von der Sachverständigen kontaktiert und zu einem ersten Gespräch eingeladen. Hier wird ihnen der Ablauf der Befundaufnahme erklärt. In der Folge wird es zu mehreren Terminen kommen: mit Ihnen, Ihrem Noch-Ehemann, den Kindern. Eventuell werden auch Informationen von außerhalb eingeholt, wie etwa in der Schule der Kinder. Die Befundaufnahme kann sich über mehrere Wochen hinziehen.

Ist diese abgeschlossen, wertet die Sachverständige die erhobenen Daten aus und verfasst das Gutachten. Es werden Fragebögen und Tests ausgewertet, Interviews und Interaktionsbeobachtungen niedergeschrieben und ebenso auswertet. Haben die Kinder beispielsweise einen klaren Willen geäußert, bei wem sie wohnen möchten, so muss sie Sacherständige prüfen, ob dieser Wille autonom oder unter Druck oder versprochenen Zuwendungen eines Elternteils zustande kam.

Im nächsten Arbeitsschritt werden aufgrund der erhobenen Daten bestimmte Schlüsse gezogen und aus der Fülle aller vorliegenden Daten die psychologischen Fragestellungen beantwortet. Sozusagen als Extrakt davon wiederum werden die juristischen Fragen des Gerichtes beantwortet.

Ein solches Gutachten kann viele Seiten umfassen und muss Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens genügen: Es muss natürlich objektiv sein, es muss schlüssig, also gut nachvollziehbar und für Laien lesbar sein. Ist das Gutachten fertig, wird es dem Gericht, Ihnen und Ihrem Ehemann übergeben. Für das Gericht hat dieses Gutachten den Stellenwert eines Beweismittels: Die Letztentscheidung trifft der Richter.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen in dieser turbulenten Zeit Ihres Lebens ein wenig Orientierung geben,
viele Grüße,
Andrea Koschier