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Diagnose ADHS –
was nun?

Von Dr. Andrea Koschier | Keine andere Störung wird derzeit so intensiv und kontroversiell diskutiert wie die Diagnose ADHS.

Herr U. schreibt:

Hallo Frau Koschier,

meinem Sohn Max wurde letzte Woche ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom, diagnostiziert.

Vielleicht sollte ich der Reihe nach erzählen: Ich bin Schweizer Staatsbürger und auch mir wurde im Alter von acht Jahren ADHS diagnostiziert. Ich bekam daraufhin Medikamente, deren Namen ich leider nicht mehr weiß. Es hieß, die Medikamente würden mir helfen, meine Probleme zu überwinden und mir den Schulbesuch ermöglichen. Ich habe das alles damals nicht verstanden und verstehe es auch heute nicht. Was ich noch weiß: Ich hatte aufgrund der Medikamente keinen Appetit mehr und litt an Schlafstörungen. Das Leben zog einfach an mir vorbei, ich war ein Zombie. Als junger Mann verweigerte ich die Einnahme der Medikamente. Seitdem geht es mir viel besser. Nur der Vollständigkeit halber: Ich bin heute ein erfolgreicher Geschäftsmann und glücklicher Vater zweier wundervoller Kinder.

Meine beiden Kinder (das Mädchen 6, der Sohn 8) sind wahre Energiebündel. Sie sitzen nie still, haben immer etwas zu sagen, sind nie müde. Meine Frau erledigt zu Hause einen Wahnsinnsjob! Ich bin sehr stolz auf sie. Ich verstehe aber auch, dass es für Max’ Lehrerin schwierig sein kann, den Unterricht zu leiten, weil Max sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Lehrerin meinte auch, dass Max klug sei, aber sein Potenzial nicht ausschöpfe, wir sollten ihn untersuchen lassen. Der Kinderarzt meinte nach einem kurzen Gespräch, dass Max eventuell an ADHS leide. Zur genaueren Abklärung sollten wir einen Psychologen aufsuchen. Meine Frage, ob Max dann Medikamente nehmen müsse, bejahte der Arzt. Ich weiß, dass mit Max alles in Ordnung ist. Er ist besonders, aber er ist nicht krank. Hier läuft irgendetwas falsch. Was soll ich tun? Ich möchte doch nur das Beste für meinen Sohn.

Lieber Herr U.!

Wenn ich richtig verstehe, besteht Ihre Sorge einerseits darin, dass Max eine psychische Krankheit namens ADHS habe und er deshalb Medikamente nehmen müsse, deren Nebenwirkungen Sie aus eigener Erfahrung kennen. Zusätzlich wirft die Frage einer eventuellen Vererbung die Frage der Ursache bzw. Schuld auf. Andererseits haben Sie großes Zutrauen zu Ihrem Sohn und nehmen seine Besonderheit differenziert wahr.

Lebenswert

Keine andere Störung wird derzeit so intensiv und kontroversiell diskutiert wie die Diagnose ADHS – einschließlich der Frage der Vererbbarkeit. Es kursieren viele ungesicherte Theorien. Aber Verunsicherung ist wohl das, was Sie momentan gar nicht brauchen können. Ich möchte Ihnen daher in einem ersten Schritt einige grundlegende Informationen geben: Psychische Störungen „gibt“ es nicht. Eine medizinische Krankheit, wie z.B. ein Beinbruch, ist objektiv feststellbar. Hingegen wird die Diagnose einer psychischen Störung dann gestellt, wenn die betreffende Person bestimmte Kriterien in einem definierten Ausmaß erfüllt. In diesem Sinne kann nie behauptet werden, jemand „habe“ z.B. ADHS, sondern es kann nur festgestellt werden, dass jemand „zum aktuellen Zeitpunkt die Kriterien einer ADHS-Diagnose erfüllt“. Morgen kann das anders sein.

Weiters muss die Diagnose ADHS von einer Spezialistin gestellt werden. Sie muss in einem zeitaufwändigen Verfahren sicherstellen, dass keine anderen Schwierigkeiten für die Probleme verantwortlich sind. Nur so ist sichergestellt, dass es zu keiner Fehldiagnose kommt.

Psychische Diagnostik darf nur zu einem Zweck betrieben werden, nämlich dem betroffenen Menschen den Zugang zu therapeutischer Behandlung überhaupt zu ermöglichen – so gesehen ist eine Diagnose eine Eintrittskarte zur Psychotherapie – und ein passendes Therapiekonzept zu erstellen. Der Diagnose ADHS darf nicht zwangsläufig eine rein medikamentöse Therapie folgen. An erster Stelle sollten Psychotherapie, soziale und pädagogische Maßnahmen stehen. Die behandelnden ÄrztInnen, TherapeutInnen, die Familie und die Schule sollten zum Wohle des Kindes und seiner Familie eng zusammenarbeiten.

Sie möchten Max nicht auf eine Diagnose reduziert wissen. Sie möchten nicht, dass er Medikamente bekommt. Es könnte also sinnvoll sein, wenn Sie und Ihre Frau gemeinsam folgende Fragen überlegen: Wozu könnte es sinnvoll sein, Max einer Diagnostik zu unterziehen und wozu könnte es sinnvoll sein, es nicht zu tun? Ist es nötig, diese Entscheidung jetzt zu treffen? Haben wir alle Informationen, um diese Entscheidungen treffen zu können? Sollen wir mehr Kontakt zur Schule suchen, um mehr Einblick in einen wichtigen Lebensbereich unseres Sohnes zu bekommen? Können wir auf Fachleute zurückgreifen, denen wir fachlich und menschlich vertrauen?

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Zuversicht,
Ihre Andrea Koschier