Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 3:05 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Nur noch „Nudeln ohne alles“

Von Dr. Andrea Koschier | Wenn Kinder heikle Esser sind.

Familie B. schreibt:

„Unser Tobias ist – milde gesagt – ein sehr heikler Esser. Als er noch gestillt wurde bzw. später das Fläschchen bekam, ist uns nichts Besonderes aufgefallen. Wenn wir uns richtig erinnern, fingen die Probleme an, als es um die Beikost ging. Uns fiel auf, dass er große Mühe hatte, die Stückchen im Brei zu essen. Er schob sie im Mund hin und her und irgendwann spuckte er sie aus. Später wollte er immer „Trennkost“, so haben wir es genannt. Es musste alles extra serviert werden, keinesfalls durfte die Beilage mit der Sauce vermischt werden. Heute ist Tobias 3 Jahre alt. Wenn es nach ihm ginge, würde er zu jeder Hauptmahlzeit „Nudeln ohne alles“ essen. Morgens mag er Brot ohne jeden Belag, abends ebenso. Wir zwingen ihn manchmal, andere Sachen zu probieren, aber wir bezahlen ein paar Bissen mit unendlich vielen Tränen seinerseits und – ich muss es gestehen – mit Wutausbrüche und Drohungen unsererseits. Können wir irgendwas tun, unser Kind ausgewogener zu ernähren?“

Meine Antwort:
Liebe Familie B!

Früher sprachen Fachleute von „der“ Fütterstörung. Heute unterscheiden wir sechs Formen von Fütterproblemen. Eine davon lässt sich so umschreiben: Das Kind verweigert bestimmte Nahrungsmittel. Es isst sehr selektiv was Geschmack, Konsistenz (fest oder flüssig) angeht, oder es isst besonders gern Würziges oder Süßes. Die Problematik zeigt sich nie während des Stillens, sondern beginnt dann, wenn die Beikost eingeführt wird. Setzt man diesem Kind das „falsche“ Essen vor, würde es lieber vor vollem Teller verhungern, als davon zu kosten. Zwingt man es zum Essen, kommt es nicht selten vor, dass es das Essen wieder erbricht. Manche Forscherinnen und Forscher sind der Ansicht, dass es sich bei diesen Kindern um so genante „supertaster“ handle, die besonders empfindliche Geschmacksnerven im Mundbereich aufweisen. Andere vertreten die Auffassung, dass diese Kinder intuitiv das nicht essen, was ihnen schade oder worauf sie allergisch reagieren würden. In der Familie stellt sich irgendwann unweigerlich die Frage, ob das ein Machtspiel sei und die Kinder nur verwöhnt und heikel wären.

Wenn Sie denken, dass diese Beschreibungen auf Tobias’ Essverhalten und die Gesamtsituation zutrifft, so könnte eine „sensorische Fütterstörung“1 diagnostiziert werden. Meiner Ansicht nach treffender ist allerdings die

Lebenswert

Beschreibung „sensorische Füttervorlieben“.

Was können Sie tun? Es ist wichtig, die körperliche Entwicklung von Tobias abzuklären: Ist Tobias in Größe, Gewicht und Kopfumfang normal entwickelt und weist er keine Anzeichen einer Mangelernährung auf? Hier ist der Kinderarzt Ihr Ansprechpartner.

Es ist außerdem wichtig zu akzeptieren, dass sensorische Füttervorlieben nichts mit Trotz oder Machtspielen zu tun haben. Dennoch ist es so, dass Kinder im ersten Lebensjahr nach einer Phase der Symbiose ganz natürlich auch ihren Willen entdecken und mit ihren Eltern darüber in Verhandlungen treten müssen.

Um den Speiseplan Ihres Kindes zu erweitern, können Sie Folgendes machen: Als erstes erstellen Sie eine Liste der Speisen, die Tobias momentan akzeptiert. Dann lassen Sie diese Speisen „rotieren“, um einer weiteren Einschränkung entgegenzuwirken. Erstellen Sie weiters eine Liste von Speisen, die Tobias früher schon einmal mochte. Versuchen Sie, diese Speisen, ebenfalls im Rotationsprinzip langsam (!) in den Speiseplan zu integrieren. Dies kann so aussehen, dass ein Stück von – z.B. einer Karotte – auf dem Teller liegt und Ihr Sohn davon kosten soll, oder dass die Karotte unter ein Kartoffelpüree gemischt wird.

Nach einigen Wochen machen Sie eine Zwischenbilanz: Was hat sich bislang geändert? Sind wir zufrieden? Braucht es weitere Speisen? Wenn ja, erstellen Sie am besten mit Tobias gemeinsam eine Liste von neuen Speisen, die eingeführt werden soll. Lassen Sie Ihr Kind möglichst mitentscheiden: Wenn Sie als Eltern die Speisen angeben, darf das Kind die Reihenfolge bestimmen. Wenn Sie ein bestimmtes Tempo im Kopf haben: Nehmen sie 80 Prozent davon weg, damit Tobias folgen kann. Oft müssen Kinder Speisen bis zu 40 (!) Mal probieren, bevor sie „schmecken“. Überfordern Sie Ihr Kind also nicht und zwingen Sie es keinesfalls. Schalten Sie den Tempomaten für Beharrlichkeit ein und hängen Sie sich einen Geduldsengel ins Cockpit. Loben Sie Ihr Kind nicht dafür, dass es viel isst oder „brav“ aufisst, aber bemerken und freuen sie sich daran, dass Ihre Familie gemeinsam Spaß am Essen hat. Und sprechen Sie abseits des Esstisches nicht vom Essen – gönnen Sie sich und Ihrem Kind eine Pause!

Nach dem amerikanischen Diagnosesystem für Kleinkinder „Zero to Three“.