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Hilfe! 5-Jährige will nicht aufs WC

Von Dr. Andrea Koschier | Ein kleines Mädchen mit chronischer Verstopfung.

Familie P. schreibt: „Unsere Tochter leidet an chronischer Verstopfung. Was können wir tun?“

Unsere Tochter Amelie ist 5 Jahre alt. Soweit wir zurückdenken können, hatte sie Probleme mit dem Stuhlgang. Wenn der Stuhldrang kommt, dann presst sie ihre Pobacken zusammen und versucht mit all ihrer Kraft, den Stuhl zurückzuhalten. Wir dürfen Amelie dann nicht ansprechen oder ihr Hilfe anbieten, sonst wird sie wütend. Sie kann den Stuhl eine Woche oder noch länger zurückhalten. Jedoch geht regelmäßig etwas in die Hose. Fünf- bis zehnmal pro Tag wechseln wir Amelie die Wäsche, meistens gegen ihren Willen. Überall, wo wir hingehen, müssen wir Wechselwäsche mitnehmen. Viele Aktivitäten, wie Schwimmbad, Freunde besuchen usw. leiden.

Über das Thema sprechen will Amelie nicht, eine Windel verweigert sie auch. Von den Kindergartentanten wissen wir, dass sie auch dort nicht aufs Klo geht und sich bei Stuhldrang in eine Ecke verkriecht. Wir haben schon vieles versucht. Traumatisch für uns alle war, als wir ihr einmal auf Anraten einer Fachkraft einen Einlauf gegeben haben. Wir haben es auch schon mit diversen Globuli, Milchzucker und Bauchmassagen probiert. Der Kinderarzt hat uns geraten, Amelie solle mehr Ballaststoffe essen und viel trinken. Geholfen hat bislang nichts. Zuletzt meinte der Arzt, die Verstopfung sei psychisch bedingt. Das hat uns wütend gemacht. Uns würde Ihre Sichtweise interessieren.

Meine Antwort:
Wenn ich Ihr Schreiben richtig interpretiere, meine ich, dass bei Amelie eine „Gewohnheitsverstopfung“ vorliegt. Andere Fachausdrücke dafür sind chronisch habituelle oder funktionelle Verstopfung.

Die Gewohnheitsverstopfung folgt – wie der Name sagt – aus einer Gewohnheit. Wie bei anderen Gewohnheiten auch, ist der Auslöser nach einiger Zeit oft gar nicht mehr herauszufinden oder es liegen mehrere Auslöser vor. Manchmal liegen für das Kind schwierige Lebenssituationen vor (zum Beispiel familiäre Belastungen durch Hausbau oder die Scheidung der Eltern). Eher selten spielen eine faserarme (obst- und gemüsearme) Ernährung oder Bewegungsmangel eine Rolle.

Häufig beginnt das Problem mit dem erstmaligen Verhalten von Stuhl infolge einer akuten Verstopfung. Wie kann nun aus einer akuten Verstopfung eine Gewohnheitsverstopfung werden? Ein harter Stuhl kann Ausgangspunkt eines Teufelskreises sein: Der Stuhl wird zurückgehalten und je länger das passiert, desto härter wird er und desto mehr Schmerzen verursacht das „unfreiwillige“ und verspätete Absetzen. Manchmal kommt es dabei auch zu Einrissen der Analschleimhaut. Das Kind hält als Konsequenz

Lebenswert

den Stuhl weiter so lange wie möglich zurück – dadurch wird er wieder hart, ist schwerer herauszudrücken. Der Teufelskreis hat sich geschlossen, der ursprüngliche Auslöser ist nun nicht mehr wichtig: Die Verstopfung „funktioniert“ auch ohne ihn.

Das Zurückhalten des Stuhls hat Auswirkung auf die Arbeit des Mastdarms: Er weitet sich immer weiter aus. Aus einem straffen Kanal wird ein schlaffer Beutel, der seine Funktion eingebüßt hat: Das Weitertreiben des Stuhls. Wenn das Kind aber einmal „kann“ oder „muss“, dann ist der Stuhl bereits so hart, dass die Schleimhaut am Anus einreißt – was wiederum das schmerzbedingte Stuhlverhalten begünstigt.

Die Gewohnheitsverstopfung wird begleitet von Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, Ängsten, Wutanfällen und allgemein unleidlichem Verhalten des Kindes. Viele Familien passen ihre Freizeitaktivitäten dem Stuhlverhalten an: Der Ausflug ins Schwimmbad wartet so lange, bis der Stuhlgang erledigt ist – aus Angst vor Verschmutzung des Beckens; Besuch kommt erst dann ins Haus, wenn sich die Laune des Kindes nach Erledigung seines Geschäftes wieder dem Verträglichen nähert. Kurz: Eine chronische Verstopfung im Kindesalter ist tatsächlich eine Belastung für die gesamte Familie.

Sie schreiben, dass regelmäßig etwas Stuhl in die Hose geht. Dabei handelt es sich um das Phänomen „Stuhlschmieren“, ein weiterer Begleiter der Gewohnheitsverstopfung. Zu Stuhlschmieren kommt es, wenn hinter dem verstopfenden Stuhlpfropf Stuhl vergärt, flüssig wird und sich an dem harten Stuhl vorbei schiebt – in die Hose. Oft wird dieser „paradoxe Durchfall“ von den Kindern nicht einmal bemerkt, weil die durch die festsitzenden Stuhlmassen weit aufgedehnte Darmwand ihre Empfindlichkeit verloren hat .

Was können Sie tun? In erster Linie Diätologinnen und weiters einige Kinderärzte sind in diesem speziellen Bereich ausgebildet. Wahrscheinlich wird Amelie über einen längeren Zeitraum eine spezielle Unterstützung zur Weicherhaltung des Stuhls empfohlen. Es handelt sich dabei nicht um Medikamente im eigentlichen Sinn. Sie können problemlos über einen langen Zeitraum genommen werden. Ein beleidigter Darm braucht oftmals Monate, um wieder in seine alte Funktion zurückzufinden. Bitte haben Sie Geduld! Auch wenn Sie alles richtig machen, lässt der Erfolg manchmal auf sich warten.

Neben dem Darm muss auch Amelies Angst vor dem Stuhlgang behandelt werden. Hier können Sie sich psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung holen. Erkundigen Sie sich jedoch bitte vorher, ob die betreffende Person in diesem Bereich Erfahrung hat.