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Ein Lehrer
zum Üben

Von Andrea Koschier | Was tun, wenn sich ein Kind von einem Lehrer ungerecht behandelt fühlt?

Familie B. schreibt mir: Unser Sohn Simon ist zwölf Jahre alt und besucht ein Gymnasium. Er war immer ein guter Schüler, was vor allem seinem Fleiß zu verdanken ist. Von den Lehrpersonen wurde er stets geschätzt und fair behandelt. Im aktuellen Schuljahr aber beobachten wir eine Entwicklung, die uns sehr beunruhigt. Als erstes fiel uns auf, dass Simon immer ruhiger wurde, er verkroch sich mehr und mehr in seinem Zimmer, wurde immer einsilbiger. Später merkten wir, dass er immer weniger aß und anscheinend auch mit dem Einschlafen und folglich mit dem Aufwachen Schwierigkeiten hatte.

Nach einigen Wochen vertraute sich Simon uns an und meinte, er habe große Probleme mit einem Lehrerwechsel in seinem Lieblingsfach. Der neue Lehrer behandle ihm extrem unfair, sei direkt patzig zu ihm, so als wolle er an ihm ein Exempel statuieren. Simon meinte, er habe keine Erklärung für dieses Verhalten. Er selbst hätte sich nichts zu Schulden kommen lassen.

Kurz vor Weihnachten besuchten wir den Elternsprechtag, um Aufklärung vom besagten Lehrer zu bekommen, er ging jedoch nicht darauf ein, sondern meinte vielmehr, Simon sei kein guter Schüler, er stehe aktuell auf einem „Genügend“ und müsse sich anstrengen, positiv beurteilt zu werden. Wir teilten dem Lehrer mit, dass Simon bislang in diesem Fach immer zwischen „Sehr gut“ und „Gut“ beurteilt worden war. Der Lehrer meinte, er könne die Arbeit seiner Kollegen nicht beurteilen, aber nun sei eben er Simons Lehrer.

Unser Sohn leidet unter der für ihn undurchschaubaren Situation, die sein und unser Leben immer mehr beeinflusst. Wir würden ihm gerne helfen, sind aber selbst ratlos. Was würden Sie vorschlagen?

Ich antworte der Familie:
Liebe Familie B, lieber Simon!

Lebenswert

Sie schildern eine schwierige Situation für die gesamte Familie. Die Belastungen sind ebenso gut nachvollziehbar wie das Ringen um eine möglichst gute Lösung. Beim Lesen Ihres Briefes fiel mir eine Geschichte eines von mir sehr geschätzten Kollegen ein:

Der Sohn des Kollegen hatte am ersten Schultag mit dem neuen Lehrer Pech. Er kam weinend und sehr verletzt nach Hause. Sein Vater wurde ärgerlich und wollte sich den Lehrer „krallen“ und ihm die Meinung sagen. Der Ärger tat dem Sohn sichtlich gut. Danach hatte sein Vater noch eine andere Idee. Schon in der Jacke setzte er sich zu seinem Sohn und sagte: „Weißt du – du wirst ja mal groß sein und in einer Firma arbeiten. Da gibt es vielleicht einen Chef und der gibt dir einen Auftrag. Du machst deine Sache gut und legst ihm die Unterlagen vor. Aber dein Chef schmeißt deine Arbeit in den Papierkorb und sagt, sie tauge nichts. Dabei hast du einen guten Job gemacht! Solche Leute gibt es immer mal. Manchmal haben sie einen schlechten Tag, und manche sind immer so. Jetzt überleg einmal – ich kann hingehen und dem Lehrer sagen:, So was hört auf, sonst bekommen Sie Ärger mit mir.‘ Oder du nimmst den zum Üben, dann weißt du schon, wie man später im Leben mit solchen Leuten umgeht. Was soll ich jetzt machen? Soll ich sagen: ,Das hört auf!, oder möchtest du ihn zum Üben haben?“

Nach minutenlangem Schweigen sagte sein Sohn: „Den nehm’ ich zum Üben.“ Der Vater hörte nie mehr etwas von diesem Lehrer. Sein Sohn nahm ihn zum Üben und erwarb sich schon früh in seiner Schullaufbahn die Reputation, mit den verschiedensten Leuten geschickt umzugehen. Er hat schon früh geübt.

Liebe Familie B., vielleicht liegt darin auch für Sie eine Anregung, über die Sie gemeinsam nachdenken mögen? (Quelle: Bernhard Trenkle: „Dazu fällt mir eine Geschichte ein“; Carl Auer Verlag)