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Paar-Konflikte – wer hat Recht

Von Andrea Koschier | Ihr reicht es nicht, dass er nur den Müll hinausträgt.

Michaela zu Gert: „Du hast dich überhaupt nicht weiterentwickelt.“ – Gert zu Michaela: „Du bist nicht mehr so wie früher.“
Michaela und Gert sind seit mehr als zwölf Jahren ein Paar, seit neun Jahren sind sie verheiratet. Die gemeinsamen Kinder sind 7 und 5 Jahre alt. Die Eltern suchen Unterstützung im Elterncoaching, da es aufgrund von unterschiedlichen Erziehungsansichten immer wieder zu Streit, aber zu keiner Lösung kommt. Schnell wird klar, dass Erziehungsfragen die Spielwiese sind, wo Michaela und Gert ihre Paarkonflikte austragen.

Zusammengefasst lauten Michaelas und Gerts Standpunkte wie folgt:

Michaela: „Die gesamte Verantwortung, die gesamte Organisation der Familie lastet auf meinen Schultern. Mein Mann geht ganztags arbeiten, daher verlange ich nicht, dass wir im Haushalt und bei den Kindern halbe-halbe machen. Aber es ist ja so, dass auch ich 20 Stunden pro Woche arbeite. Und es kann daher nicht sein, dass immer alles an mir hängenbleibt. Mir reicht es nicht, dass er nur dann den Müll hinausträgt, wenn ich ihn darum bitte, das ist erniedrigend für mich. Er soll von sich aus aktiv werden. Aus meiner Sicht hat sich Gert einfach in den letzten zwölf Jahren nicht weiterentwickelt, und er möchte es auch nicht.“

Gert: „Ich verstehe nicht, warum meine Frau so unzufrieden ist. Immer will sie über irgendetwas reden. Wir haben uns vor vielen Jahren entschlossen, eine Familie zu gründen und es war uns beiden klar, dass ich der Haupternährer sein werde und meine Frau sich um die Kinder und den Haushalt kümmert. Jetzt möchte sie arbeiten, besucht auch regelmäßig Fortbildungen. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll, es macht mir Angst. Meiner Meinung nach bräuchte sie das alles nicht. Ich vermisse die Michaela von früher, die immer lustig war.“

Unser gemeinsamer Deutungsversuch bringt folgendes Ergebnis: Michaela und Gert sind in einem Auto unterwegs, über Fahrgeschwindigkeit und Fahrtziel sind sie sich jedoch uneins. Während

Lebenswert

Michaela immer neue Ziele erreichen will und auch einmal schneller unterwegs sein möchte, will Gert am liebsten in gemütlichem Tempo eine Fahrt ins Blaue unternehmen und gelegentlich an einem schönen Platz Halt machen. Michaelas Beschleunigungsversuchte beantwortet Gert mit einem Ruf nach Pause. Während Michaela meint, diese Fahrtziele seien wichtig für sie, für die Familie und auch für die Kinder, meint Gert, das alles stresse zu viel, und vor allem die Kinder bräuchten mehr Ruhe. Je mehr Michaela möchte, dass sich auch Gert einmal ans Steuer setzt und Verantwortung übernimmt, desto eher macht es sich Gert auf dem Beifahrersitz bequem und verweigert. Im Auto herrscht miese Stimmung, die Kinder auf der Rückbank verfolgen das Schauspiel aufmerksam-angespannt.

Was könnten Michaela und Gert also tun?

Die große Gefahr eines Streits während einer Autofahrt liegt darin, dass einem plötzlich ein Baum entgegenkommt, den keiner gesehen hat. Die große Gefahr von mieser Stimmung während einer Autofahrt liegt darin, dass alle Beteiligten ins „innere Exil“ gehen (für die Kinder gibt’s dafür diverse Elektronikartikel), vom Aussteigen träumen, von früheren, „besseren“ Fahrten, von anderen Beifahrern etc.

Ich schlage daher vor, dass Michaela und Gert den nächstbesten Parkplatz ansteuern, sich einen Kaffee bestellen und sich über einiges klar werden: Warum sind wir vor Jahren in ein gemeinsames Leben gestartet? Welche tollen Fahrten haben wir zusammen erlebt? Welches waren die schönsten Aufenthalte? Was war unser ursprüngliches Ziel? Wohin und wozu sind wir im Augenblick unterwegs, und was wäre eine nächste schöne Rast? Was schätze ich an meinem Beifahrer und an meiner Beifahrerin? Wohin wollen wir sicher nicht fahren und wo wollen wir sicher nicht Rast machen? Wie sollte die weitere Fahrt gestaltet werden, damit es für alle Beteiligten eine angenehme Reise wird? Welche Fahrten unternehmen wir gemeinsam, und wohin darf oder soll einer auch einmal alleine losziehen?