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Ich kann mein Baby nicht beruhigen

Von Andrea Koschier | Was ein „Schreikind“ ausdrückt und wie geholfen werden kann.

Katharina ist 35 Jahre alt und verheiratet. Als Katharina endlich schwanger wurde, waren sie und ihr Mann überglücklich.

Ab dem vierten Schwangerschaftsmonat jedoch, so berichtet Katharina, hätten sich „Horror und Katastrophen abgewechselt“: extreme Ängste um die Gesundheit des ungeborenen Kindes wegen diverser Verdachtsmomente, Frühkarenz und ein dramatischer Geburtsverlauf, der mit einem Notkaiserschnitt endete. Dominik wurde vier Wochen lang auf einer Intensivstation betreut. Während dieser Zeit besuchten Mutter und Vater ihn so oft wie möglich und trugen ihn am Körper. Katharina erkämpfte sich mit Unterstützung der Hebammen das Stillen.

In seiner zweiten Lebenswoche begann Dominik intensiv und unstillbar zu schreien. Egal, was Katharina und ihr Partner auch versuchten, Dominik blieb untröstlich, schlimmer noch, er stemmte sich mit seinen kleinen Ärmchen von Katharina weg. Letztlich hatte Katharina das Gefühl: „Mein Kind mag mich nicht, ich kann es nicht beruhigen.“

Vier Wochen nach der Geburt wurde Dominik als „gesundes“ Kind entlassen. Sein Schreien jedoch hielt an. Durchschnittlich schrie Dominik in seinen ersten Lebensmonaten 4 bis 5 Stunden pro Tag, teilweise „als wolle man ihn umbringen“. Katharina suchte nach Hilfe bei Fachkräften. Manche Vorschläge brachten ein wenig und kurzfristig Erleichterung. Das Grundproblem aber, das unstillbare Schreien, blieb. Katharina hörte so manche Diagnose („Schreikind“, „Dreimonatskoliken“) und noch mehr Ratschläge, zum Beispiel, dass sie sich nicht sorgen solle, das gehe vorüber. Tat es aber nicht.

Was sich änderte, war: Aggression, Wut, Enttäuschung, chronischer Schlafmangel, Verzweiflung und Selbstzweifel ergriffen Besitz von Katharina.

In dieser Phase lerne ich Katharina und Dominik kennen. Der schwierige gemeinsame Start hat

Lebenswert

Katharina aus ihrem Gleichgewicht geworfen und ihr verständlicherweise den Zugang zu ihren mütterlichen Fähigkeiten vorübergehend verwehrt. Zusätzlich sind Dominiks Signale alles andere als einfach zu „lesen“. Dominik zeigt seiner Umwelt mit seinem intensiven Schreien, dass er mit seiner Behandlung rund um die Geburt nicht einverstanden war und fordert so Wiedergutmachung. Zwischen Dominik und Katharina kommt es zu einer Verwerfungslinie, die eine wirkliche Begegnung, ein Kennenlernen und eine gemeinsame Entwicklung verhindert. Der Alltag von Mutter und Kind besteht mittlerweile aus Frustration und negativen Erlebnissen.

Wir treffen einander ein paar Mal, um die Beziehung zwischen Katharina und Dominik in den Mittelpunkt zu stellen. Katharina lernt besser, kindliche Signale zu verstehen und diese mit Ruhe und Sicherheit zu beantworten. Dominik lässt sich zunehmend besser von seiner Mutter beruhigen. Schritt für Schritt wird er zufriedener. Beim sechsten und letzten unserer Termine hat Dominik mit dem Schreien aufgehört, die Situation zu Hause hat sich vollständig entspannt.

Abschließend gibt Katharina ihre Gedanken wieder: „Ich habe so lange um mein Kind gebangt, mich nicht auf Dominik einlassen können. Er blieb mir fremd und ich fühlte mich schuldig. Heute ist es ganz anders, ich bin voller Sicherheit. Das macht vieles einfacher, wenn Dominik wieder einmal sein Temperament zeigt. Ich weiß, er entwickelt sich gut. Jetzt sind wir endlich eine Familie.“

Zum Hintergrund: Fachleute bezeichnen exzessives Schreien, Schlaf- und Fütterproblematiken im Säuglingsalter als Regulations- oder Anpassungsproblematiken. In den westlichen Industrienationen hat jedes vierte bis fünfte Kleinkind mit einer dieser Problematiken zu kämpfen. Es konnte außerdem ein Zusammenhang zwischen Regulationsproblematiken und schwierigen Schwangerschaften und traumatisch (erlebten) Geburten nachgewiesen werden.