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Laura, 13: „Piercing ja, Schule nein!“

Von Andrea Koschier | Kleinfamilien können und müssen nicht alles allein schaffen.

Barbara hat telefonisch um einen raschen Termin gebeten. Sie bemüht sich, ruhig und möglichst sachlich ihre Sorgen zu schildern. Ihre Tochter Laura ist 13 Jahre alt und hat „null Bock auf Schule“. Anstatt zur Schule zu gehen, treibt sie sich mit Kollegen in Einkaufszentren herum. Laura sei, schildert Barbara, leicht zu beeinflussen und ohne Ziel. Das macht ihr als Mutter große Sorgen. Zugleich sieht sie als berufstätige Alleinerzieherin wenige Möglichkeiten, ihre Tochter zu beschützen.

Das Fass zum Überlaufen hat Lauras Aussage letzte Woche gebracht: „Entweder ich bekomme ein Lippenpiercing, oder ich ziehe zu Papa. Und nur damit du es weißt: In die Schule gehe ich dort auch nicht!“ Nun weiß Barbara überhaupt nicht mehr, wie sie richtig reagieren könnte. Sie hat Angst, etwas Falsches zu tun. Sie macht sich Vorwürfe, als Mutter versagt zu haben. Vielleicht, meint Barbara, habe Laura die Scheidung vor zehn Jahren nicht verkraftet. Vielleicht habe Laura ein Geschwisterchen gefehlt. Vielleicht habe sie einfach zu wenig Zeit für ihre Tochter. Barbara schließt mit den Worten: „Sagen Sie mir, was ich tun soll! Ich bin mit meinem Latein am Ende.“

Vor mir sitzt also eine verzweifelte Mutter, die sich vor den Reaktionen ihrer Tochter fürchtet. Die ihrem Kind vieles durchgehen lässt, aus Angst, es sonst „zu verlieren“. Eine Mutter, handlungsunfähig aufgrund von hartnäckigen Schuldgefühlen. Laura ist nicht zu diesem Gespräch mitgekommen. Auch dazu hatte sie „null Bock“. Lauras Vorzüge kann ich also nicht kennen lernen. Aber ich weiß, dass sie ihre Mutter unter Druck setzt und die Eltern gegeneinander ausspielt. Und ich vermute, dass Laura die Orientierung und eine schützende Begrenzung im Leben fehlen.

Gemeinsam entwerfen Barbara und ich eine Strategie: Barbara wird zunächst Lauras Vater darüber ins Bild setzen, dass seine Tochter regelmäßig die Schule schwänzt und darüber redet, zu ihm ziehen zu wollen. Die Gesprächsbasis zwischen den früheren Eheleuten sei zwar nicht optimal, räumt Barbara ein, wenn es um das gemeinsame Kind gehe, siege aber doch meistens die Vernunft. Bei der Trennung sei beiden klar gewesen, dass Laura bei der Mutter bleiben solle. Der Vater nehme sein Besuchrecht immer wahr. Diese Besuche würden ihm viel bedeuten, er streife auch gern den Bonus ein, sich nicht um „Banalitäten“ wie Erziehung und Schularbeiten scheren zu müssen. Dass er bereitwillig sein Leben völlig umkrempeln würde, um sich voll und ganz um seine Tochter zu kümmern, hält Barbara für unwahrscheinlich.

Es stellt sich heraus, dass nicht nur Lauras Vater noch nichts von den Problemen (mit) seiner Tochter weiß. Barbara hat auch weder ihrer Familie noch Freunden davon erzählt, einerseits „aus Scham“ andererseits um ihre Eltern nicht zu belasten. Sie habe ja bisher alles alleine geschafft und auch beweisen wollen, dass sie das könne. Wir einigen uns darauf, dass neue Situationen neue Strategien erfordern können. Ein Blick auf Familie und Freunde

Lebenswert

macht vielerlei Ressourcen sichtbar: Lauras Vater an erster Stelle. Dann eine Tante, die in ihrer jugendlich-unkonventionellen Art immer einen guten Draht zu dem Kind hatte. Lauras beste Kindergartenfreundin, die trotz aller pubertären Krisen gefestigt im Leben steht. Ein Onkel, der immer gelassene Ruhe ausstrahlt. Eine Lehrerin, die Laura sehr schätzt und mag.

Barbara wird eine Krisensitzung einberufen: Alle sollen kommen, alle werden gebeten, eine Aufgabe zu übernehmen. Laura soll erkennen, dass sie und ihre Entwicklung den Menschen um sie herum nicht egal sind, dass alle dafür kämpfen, ihr einen guten Platz und Orientierung im Leben zu geben. Das Ziel ist aber auch, Laura unmissverständlich klar zu machen, dass Schwänzen und Erpressungsversuche schlicht inakzeptabel sind und nicht weiter hingenommen werden.

Beim Abschied meint Barbara, sie schätze die Erfolgsaussichten auf 50 Prozent, dass sie jetzt einen „Plan“ habe, empfinde sie aber jedenfalls als Erleichterung.
Drei Wochen später sitzen Barbara und ich uns erneut gegenüber. Barbara ist bei Lauras Vater auf ebenso viel Unterstützungswillen gestoßen wie bei der Schule und vor allem auch bei der Familie. Anfangs hat Laura gebrüllt (als der Onkel sich weigerte, Lauras Zimmer zu verlassen, bevor sie die Hausaufgaben erledigt hatte), getobt (als der Vater sie jeden Morgen von zu Hause abgeholt und – wie ein kleines Mädchen – zur Schule gebracht hat), ist völlig ausgeflippt (als ihr die Eltern gemeinsam eröffneten, dass es kein Lippenpiercing geben wird und Schulpflicht für eine 13-Jährige im Übrigen in ganz Österreich besteht).

Ein Durchbruch kam nach einer für alle Beteiligten harten Woche. Laura ist zum ersten Mal seit Langem wieder auf ihre Mutter und die Menschen um sie herum zugegangen, endlich sind wieder Gespräche über „Gott und die Welt“ möglich, erzählt Barbara. Und Laura geht – widerwillig, aber doch – regelmäßig zur Schule. „Darauf werden wir auch in Zukunft streng achten müssen“, ist Barbara überzeugt. Was ihr aber noch wichtiger scheint: „Laura hatte zwar keine Orientierung, aber immer Werte, von denen mein Exmann und ich keine Ahnung hatten. Laura ist ein tolles Mädchen und wir sind stolz auf sie. Ich habe meine Tochter neu kennen gelernt und meine Stimme als Mutter wieder.“ Und sie fügt hinzu: „Ohne die Hilfe meiner Familie und Freunde hätte ich das nicht geschafft.“

Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Zur Kindererziehung braucht es ein ganzes Dorf.“ Wie ist in unseren Breitengraden nur die obskure Idee entstanden, eine Mutter oder Kleinfamilie könnte immer alles allein schaffen? Wer die Thematik systemisch betrachten will, kann in einem interessanten Buch von Haim Omer und Arist von Schlippe nachlesen, wie eine gewaltfreie Autorität und die Präsenz von wachsamen Netzwerken in der Erziehung funktionieren können: „Autorität ohne Gewalt. Coaching für Eltern von Kindern mit Verhaltensproblemen“ (Vandenhoeck & Ruprecht).