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Ein Brief an die Depression

Von Andrea Koschier | Liebe Depression, ich lasse dich nicht mehr in mein Haus!

Liebe Depression!

Ich denke, es ist an der Zeit, dir einmal zu schreiben. Wir kennen uns ja schon lange. Eigentlich warst du irgendwie immer da, mein treuer Begleiter über all die Jahre und Jahrzehnte. Du warst da, ob es mir nun passte oder nicht, ob ich mich „zusammenriss“, wie mir mein Umfeld riet, oder mich dir ergab. Vor gut zwei Jahren hattest du dermaßen von mir Besitz ergriffen, dass ich – unter Aufbringung all meiner Kräfte – einen neuerlichen Versuch unternehmen wollte, dich endlich loszuwerden.

Damals holte ich mir zwei Fachleute samt deren Fachwissen an Bord: Eine Ärztin befragte und untersuchte mich eingehend, und gemeinsam kamen wir zum Schluss, dass ich zumindest für den Beginn meines Weges medikamentöse Unterstützung annehmen wollte. Die Ärztin verwies mich weiter zu einer ihr bekannten Psychotherapeutin. Du kannst dich daran erinnern? Ja, das denke ich mir. Hast du damals schon bemerkt, wie deine Macht, mich zu beherrschen, nachlässt? Oder war das erst später, als ich regelmäßig zur Psychotherapeutin ging und mir mein Leben zurückholte?

Die Therapeutin hat mir viele Fragen zu dir gestellt, Fragen, auf die ich anfangs keine Antwort wusste, und mit denen ich auch nicht gerechnet hatte. Sie wollte z.B. wissen, wie du ausschaust, ob du einen Namen hast (ich hab dich schließlich „Weinhilde“ genannt), wann du besonders gerne vorbeischaust und welche Auswirkungen du auf mein Leben hast.

Lebenswert

Diese Fragen haben mich zum Nachdenken (nicht zum Grübeln!) angeregt. Und ich habe bemerkt, wie ich dich immer besser verstehen lerne, wie du funktionierst, wie du deine Macht ausübst, deine Spielchen mit mir spielst. Je mehr Wissen ich über dich angesammelt hatte, desto stärker wurde ich – und desto geringer dein Einfluss. Irgendwann war ich richtig wütend auf dich, habe dich beschimpft, zum Teufel gewünscht. Du hattest Glück, dass die Therapeutin hier auch deine Seite vertreten hat. Sie hat mich gefragt, wozu du denn gut seiest und was denn mein Anteil an unserem gemeinsamen Leben sei. Als Opferlamm wollte sie mich einfach nicht behandeln, das war manchmal ganz schön anstrengend. Aber die Antworten, die Erkenntnisse waren die Mühen wert!

Liebe Weinhilde, heute weiß ich eine Menge von dir, von mir und von unserer Beziehung. Ich weiß, wie und warum du in mein Leben gekommen bist. Ich weiß um deine Macht, weiß, wie du sie einsetzt. Aber ich weiß jetzt auch um meine Stärken und bin mutig! Ich bin zum Entschluss gekommen, dass wir unsere Beziehung überdenken müssen. Ich verlange heute von dir, dass du ausziehst aus meinem „Haus“. Ich weiß zwar, dass du immer wieder vorbeischauen wirst, aber ich werde dir nicht mehr das Gästebett richten. Ich werde mich mit dir unterhalten, weil du nicht mehr mein Feind bist und weil ich verstanden habe, dass du immer dann kommst, wenn ich Gefahr laufe, entmutigt meinem Leben aus dem Weg zu gehen.

Leb wohl,
deine Erika