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„Hilfe, ich soll zum Psychologen!“

Von Andrea Koschier | Reden hilft nicht.
Oder doch?

Rudolf S. ist 58 Jahre alt, verheiratet, Vater dreier erwachsener Kinder und seit Februar stolzer Opa seines ersten Enkelkindes. Der Handwerker arbeitet seit seiner Lehrzeit bei der gleichen Firma. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner jüngsten Tochter wohnt er in einem kleinen Haus.

Körperlich, sagt Rudolf, sei bei ihm alles in bester Ordnung, er sei sogar „besser beinand“ als viele Junge. Nur überfallen ihn seit einigen Jahren immer wieder einmal Angstzustände. Er bekommt Herzrasen, schwitzt und ist kurzatmig. Anfangs habe er geglaubt, er habe es mit dem Herzen. Die Ärzte hätten ihn aber gründlich untersucht, das Herz sei in bester Ordnung. In letzter Zeit sei es schlimmer geworden, seine Lebensqualität sei eingeschränkt. Sein Hausarzt meinte, er könne ihm schon „etwas verschreiben“, lieber wäre ihm allerdings, er würde mit einem Psychologen oder einem Psychotherapeuten reden. Nun also sitzt Rudolf vor mir und ist unüberhörbar skeptisch: „Reden allein hilft doch nicht, oder?“

Rudolf S. hat einerseits völlig Recht: Reden allein wird ihm nicht helfen. Andererseits hat er Unrecht, wenn er Psychotherapie mit „Reden“ gleichsetzt. Wie ist das gemeint?
Erstens: Die Sprache ist das wichtigste Werkzeug eines Psychologen oder Psychotherapeuten. So wie der Hammer noch keinen Nagel in die Wand schlägt, löst Reden allein nicht das Problem. Aber mittels der Sprache lokalisieren Therapeut und Klient gemeinsam Probleme, suchen nach Möglichkeiten und finden Lösungen.

Lebenswerk

Zweitens: Wir Menschen sind von Geburt an erzählende Wesen. Von sich und seinem Leben zu erzählen, sich mitzuteilen und verstanden zu werden, ist ein Grundbedürfnis. Wir sprechen ständig mit uns selbst über uns selbst, über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. So entwickeln sich unser Gedächtnis und unsere Identität. Manchmal jedoch will uns keine gute oder zumindest passende Geschichte zu uns und unserem Leben gelingen. Das passiert z.B. dann, wenn wir Schicksalsschläge erleiden und es uns nicht gelingen will, diese schlimmen Geschichten in das Gesamtwerk zu integrieren, ihnen einen angemessenen Platz zu geben. Dann gerät das Gesamtkunstwerk „Identität“ ins Wanken. Und der Körper reagiert darauf mit – nur scheinbar – unerklärlichen Symptomen, wie eben zum Beispiel Panikattacken.

Psychotherapie kann helfen, unerzählte Geschichten vielleicht erstmals zu erzählen und zu hören, fehlende Teile einzufügen, neue Aspekte zu finden, gewisse Kapitel endlich abzuschließen und letztlich die Geschichte eines Lebens nicht völlig anders, aber vollständiger, differenzierter und passender zu erzählen.

Drittens: Wörter haben große Macht. So wie sie leider die Fähigkeit haben, uns tief zu verletzen, haben sie zum Glück auch die Gabe uns zu trösten, uns Sicherheit und Zuversicht zu geben.
Nein, Reden allein hilft nicht. Aber behutsam ins Gespräch über ein Leben zu kommen, ist ein guter Anfang.