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„Mein Kind
isst nie“

Von Andrea Koschier | Die Sorge von Eltern um ihre zweijährige Tochter.

„Mein Kind isst nie und trotzdem bin ich den ganzen Tag mit Füttern beschäftigt.“ Barbara und Hannes M. machen sich große Sorgen um ihre fast zweijährige Tochter. Jana sei ein sehr aufgewecktes, lebensfrohes Mädchen mit vielfältigen Interessen, erzählen sie. Nur beim Essen bringt Jana ihre Eltern regelmäßig zur Verzweiflung: Sie zeigt kaum Appetit und ist sehr wählerisch, das Essen dauert ewig und ist immer ein Riesentheater. Eskaliert ist die Situation, als Verwandte und Bekannte sich einzumischen und ungefragt Ratschläge zu geben begannen, die einander noch dazu großteils widersprachen. Während Barbara Vorschlag A folgen wollte, stimmte Hannes für Plan B. Mittlerweile belastet die Problematik auch das Eheleben der Eltern. Janas Essen bzw. Nichtessen ist zum zentralen Thema in der Familie geworden.

Ein Blick in den Mutter-Kind-Pass bestätigt die Einschätzung der Kinderärztin, an die sich Barabara und Hannes sinnvollerweise zuerst gewandt hatten: Jana ist sowohl was Gewicht- als auch Längenwachstum betrifft, völlig normal entwickelt. Meine eigene Wahrnehmung Janas während des ersten Gespräches mit der Familie bestätigt auch den Bericht von Janas Eltern: Hier wirbelt ein aufgeweckte junge Dame durch meine Praxis! Als Erstes ist also Entwarnung zu geben. Was und wie viel Jana isst, reicht offensichtlich für eine gute Entwicklung aus. Die Gesamtproblematik löst das aber nicht.

Ich schlage den Eltern daher vor, über einige Tage ein Fütterprotokoll zu führen. Das Ergebnis überrascht Barbara und Hannes: Dem Mädchen wird über den Tag verteilt durchschnittlich zehnmal Essen angeboten. Janas (Nicht-)Essen dauert überdurchschnittlich lange (jeweils mehr als 30 Minuten), in weniger als zwei Stunden wird ihr erneut Nahrung angeboten, die Jana nach allen Regeln der Kunst verweigert. Wenn aber das Kind „nie“ isst, warum ist es dann trotzdem gut entwickelt? Es zeigt sich, dass Jana eher eine „Zwischendurchesserin“ ist und sich immer wieder einmal einen Bissen buchstäblich „im Vorbeigehen“ schnappt. Weiters kommt Jana – wiederum zur

Lebenswert

Überraschung der Eltern – durch das häufige Anbieten von Nahrung doch auf eine stattliche Anzahl von Kalorien. Am Ende unserer Analyse sagt Barbara: „Wenn ich mir das so anschaue: An Janas Stelle verginge mir auch der Appetit!“

Wir erarbeiten einen Lösungsversuch und definieren ein Ziel: eine entspannte Situation am Esstisch und dass Jana Essen an und für sich als etwas Schönes für sich entdecken kann.
Dass Fachleute glaubhaft bestätigen, wie gut Jana an sich gedeiht, hat schon einmal den schlimmsten Druck aus der Situation genommen. Nun teilen wir die Verantwortung: Die Eltern bestimmen, wann was angeboten wird. Jana wiederum bestimmt, wie viel sie davon isst. Außerdem begrenzen wir die Essenszeit und nehmen Janas Signale ernst: Nach einer bestimmten Zeit wird das Essen beendet; wenn Jana signalisiert, dass sie satt ist, beenden die Eltern – freundlich – das Essen. Und schließlich definieren wir essensfreie Zeiten: Die Eltern weiten die Zeiträume zwischen den Mahlzeiten auf drei Stunden aus. In dieser Zeit bieten sie Jana keine Nahrung an, verweigern sie ihr aber auch nicht strikt, wenn sie danach fragt.

Zwei Wochen später treffen wir uns zu einer Zwischenbilanz. Barbara erzählt freimütig, dass es anfangs vor allem ihr schwer gefallen sei, aus dem bekannten Muster auszubrechen und etwas Neues zu probieren. Sowohl sie als auch Hannes hätten aber schnell an der Reaktion ihrer Tochter bemerkt, dass sich etwas tut. Jana interessiert sich nun viel mehr für das Essen. Und die Eltern haben etwas Neues über ihre Tochter gelernt: Jana legt größten Wert auf ihre Eigenständigkeit, das „Selbermachen“. Dementsprechend zieht sie bissfeste Nahrung, die sie gut festhalten kann, breiigem Essen vor. Kaum wollen Mama und Papa sie beim Essen unterstützen, reagiert Jana mit der Beendigung der Mahlzeit. „Dann geht im Moment gar nichts mehr“, erzählt Hannes, „Aber die Gesamtsituation hat sich mittlerweile so entspannt, dass wir manchmal schon gar nicht mehr an das Problem denken und uns am Familientisch ganz normal darüber unterhalten, was jeder von uns an diesem Tag so erlebt hat.“