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Kaum Tränen,
dafür aber
viel Wut

Von Christine Pernlochner-Kügler | Traurigkeit und Wut sind zwei ganz wesentliche Gefühle im Trauerprozess. Sie sind uns angeborene Reaktionen auf Verlust-Erlebnisse.

Liebe Christine,

vor sechs Wochen starb meine Frau. Wir wussten es zwar schon vorher, trotzdem war die Zeit von der verheerenden Diagnose bis zum Tod so kurz für uns, dass wir keine Zeit hatten, zu realisieren, was da gerade passiert. Wir waren in diesen Wochen wie im Schock. Wir, damit meine ich mich und zwei kleine Kinder im Volksschulalter. Wir haben alle irgendwie funktioniert und haben uns dann, so gut es uns möglich war, verabschiedet. Viele haben uns in dieser ersten schweren Zeit unterstützt und begleitet, wir waren gut aufgefangen, aber jetzt ist wieder Alltag eingekehrt, das Leben geht weiter mit Beruf, Haushalt und Schule. Es ist so viel zu bewältigen, dass ich wenig Zeit habe zu trauern. Auch die Kinder nicht. Ich dachte jetzt kommt eine Zeit, in der ich mit vielen Tränen rechnen muss, tatsächlich sind da kaum Tränen, dafür aber viel Wut und Aggression. Ist das normal?

Liebe Grüße Manfred

Liebe Manfred,

du bringst es gut auf den Punkt: „Tatsächlich sind da kaum Tränen, dafür aber viel Wut und Aggression.“ Ja, das ist normal, aber …
Traurigkeit und Wut sind zwei ganz wesentliche Gefühle im Trauerprozess. Sie sind uns angeborene Reaktionen auf Verlust-Erlebnisse: Wenn wir etwas verlieren oder etwas wieder hergeben müssen, was uns viel bedeutet hat, dann reagieren wir mit Aggression, weil es uns frustriert — und wir reagieren mit Trauer. Diese beiden Gefühle sind wie zwei Seiten einer Medaille. So wie wir immer nur eine Seite einer Medaille ansehen können, können wir die Gefühle Wut und Trauer nicht beide gleichzeitig erleben: Entweder ist die Wut spürbar oder die Trauer. Beide gehören aber zusammen wie zwei Schwestern. Die Trauer ist dabei die passivere der beiden, sie will, dass man sich zurückzieht und den Verlust wahrnimmt, den Schmerz spürt und zulässt. Die Wut ist die aktive der beiden Schwestern, sie ist diejenige, die uns zeigt, dass etwas Wichtiges fehlt, die uns aber Energie gibt, antreibt und weiterkämpfen lässt. Wichtig ist, dass man beiden einen Platz gibt, denn sie haben beide ihre Berechtigung, die letztlich zur Bewältigung und Neuorientierung führen.

Wenn du bei dir und deinen Kindern zu wenig Traurigkeit wahrnehmen kannst, dann liegt es vielleicht wirklich daran, dass ihr keine Zeit dafür habt, weil ihr alle drei in einem sehr engen

Lebenswert

Zeitkorsett steckt. Ich nehme an, du selbst bist mit deiner Arbeit, dem Haushalt und den Kindern im Moment überlastet. Und wenn deine Kinder in ihrem Schulalltag volles Programm haben, vielleicht noch in einem Sportverein sind, ein Musikinstrument lernen oder an den Nachmittagen noch anderen Hobbys nachgehen, dann bleibt nicht mehr viel Zeit und Raum für die Trauer. Um Trauer wahrzunehmen, muss man zur Ruhe kommen können.

In der Hektik des Alltags wird deshalb wie bei einem Dampfkessel vor allem das Gefühl rausgelassen, das viel Druck macht und schnell wie ein Springmesser funktioniert — und das ist die Wut. Auch sie ist gut und gesund, aber sie sollte nicht alleiniger Gefühlsausdruck bleiben. Auch die Trauer muss ausgelebt werden können.

Vielleicht mögt ihr euch einmal zusammensetzen, eure Kalender und Stundenpläne vergleichen und darüber sprechen, wann jeder von euch Zeit für sich hat, um zur Ruhe zu kommen. Wenn diese Zeit tatsächlich zu wenig ist, dann könntet ihr überlegen: Vielleicht wäre es gut, wenn die Kinder ein oder zwei Veranstaltungen pro Woche weniger wahrnehmen, dafür aber ein spezielles Trauerbegleitungsangebot für Kinder beim Verein Rainbows in Anspruch nehmen? Vielleicht kannst du in deiner Firma vorübergehend fünf Stunden weniger zu arbeiten und Familie und Freunde fragen, wie sie dich entlasten könnten, dass auch du Zeit für dich hast.

Und als Familie empfehle ich euch, dass ihr euch einmal in der Woche Zeit nehmt, zusammensetzt und gemeinsam ein kleines Trauerritual gestaltet. Ihr könnt eure Lieblingsbilder von der Mama in die Mitte legen, vielleicht auch Gegenstände, die euch mit ihr verbinden, ihr könnt eine Kerze anzünden und an sie denken. Ihr könnt alles sagen, aufschreiben oder zeichnen, was euch bewegt oder jeder kann im Stillen für sich mit ihr sprechen. Im Trauerforum auf www.aspetos.com hat eine Frau, deren Mann verstorben ist, ein wunderbares Erinnerungsspiel erfunden und das geht so: „Wir machen ein Gerhard-Quiz. Jeder von uns überlegt sich ein paar Fragen zu Gerhard. Die Antwort sollte man selbst kennen, die anderen nicht unbedingt. Zum Beispiel: Was war Gerhards erster Satz zu mir, als er mich beim Kennenlernen in der Disco ansprach? Dann soll jeder eine Antwort dazu suchen, von der er denkt, sie könnte zu Gerhard passen. Dann wird mit der richtigen Antwort verglichen.“ So ein Quiz wäre auch eine Möglichkeit für eure gemeinsame Gedenkstunde. Wenn dabei geweint wird, dann ist das gut und wenn gelacht wird, natürlich auch!

Alles Liebe un Gute!
Christine