Lesedauer   Lesedauer – für diesen Text benötigt ein durchschnittlicher Leser 3:10 Minuten  (Erklärung hier)

punktierte Linie

Wenn man die Trauer der anderen nicht aushält

Von Christine Pernlochner-Kügler | In vielen Familien sind sich die Familienmitglieder nach einem Trauerfall gegenseitig keine große Hilfe und Stütze.

Liebe Christine,

Gibt es eigentlich Erfahrungen mit dem Thema „Schwiegermutter“ im Trauerprozess? Nach dem Tod meines Lebensgefährten ist das für mich ein ganz schwieriges Thema, weil ich das Gefühl habe, von jedem Fremden bzw. Bekannten mehr Unterstützung und Hilfe erfahren zu haben, als von der Familie meines Lebensgefährten.

Kontakt wird von der Seite meiner Schwiegermutter nur aufgenommen, wenn sie etwas von mir braucht, und das zehrt natürlich ziemlich an meinen Nerven. Ich habe jedes Mal ein schlechtes Gefühl, wenn ich ihre Nummer am Handy sehe. Ich habe jetzt den Kontakt ziemlich eingeschränkt, und merke, dass es mir damit besser geht. Wie aber ist das für meine Kinder? Es ist nicht so, dass sie nach ihr fragen, oder unbedingt zu ihr wollen. Ist das auch ok?  Oder darf ich ihr die Enkelkinder nicht vorenthalten, nachdem sie ja schon den Sohn verloren hat?

Soll ich auf mein Gefühl hören oder muss ich über meinen Schatten springen?

Alles Liebe, Anna

Liebe Anna,

In vielen Familien sind sich die Familienmitglieder nach einem Trauerfall gegenseitig keine große Hilfe und Stütze, weil jeder mit seiner eigenen Trauer so beschäftigt ist, dass die Trauer der anderen zusätzlich einfach zu viel ist. Jedes Familienmitglied trauert zudem anders, hat unterschiedliche Bewältigungsstrategien, einen ganz individuellen Rhythmus zwischen besseren und schlechteren Phasen. Da ist ein wenig wohlwollende Distanz — ohne freilich, dass man sich gegenseitig gänzlich meidet — oft gar nicht schlecht.

Das ist möglicherweise der Grund dafür, dass dich deine Schwiegermutter nur sporadisch kontaktiert. Sie hält deine Trauer nicht aus. Und umgekehrt ist es vielleicht genauso: Du hast ein schlechtes Gefühl, wenn du ihre Nummer am Display siehst, weil du weißt, dass sie dir im Moment nicht helfen kann und weil ihre Trauer dich zusätzlich belastet.

Andererseits scheint deine Schwiegermutter aber auf sich zu achten, indem sie sich meldet, wenn sie etwas braucht. Dir kommt das vielleicht egoistisch und übergriffig vor, aber an sich ist das gut und gesund. Vielleicht glaubt sie ja auch, dass du jetzt Funktionen übernimmst, die früher dein Partner als ihr Sohn erfüllt hat. Sie hat vielleicht

Lebenswert

noch nicht verstanden, dass alles, was er früher für sie getan hat, jetzt nicht automatisch von dir übernommen werden kann. Ich würde das Gespräch mit ihr suchen und offen und wertschätzend deine eigenen und ihre Bedürfnisse ansprechen. Frag sie, was sie sich wünscht, thematisiere deine Unsicherheit und auch das, was du dir wünschst und was du und deine Kinder jetzt brauchen.

Wenn es dir damit besser geht, dass du weniger Kontakt mit der Familie deines Partners hast, dann habe kein schlechtes Gewissen. Wenig Kontakt zu haben oder den Kontakt im Moment nicht unbedingt zu suchen, heißt ja nicht, dass du deiner Schwiegermutter die Enkelkinder vorenthältst oder sie grundsätzlich zurückweist. Natürlich darf deine Schwiegermutter das Bedürfnis haben und den Anspruch stellen, ihre Enkelkinder zu sehen und mit dir einen guten Kontakt zu pflegen, das heißt aber nicht, dass ihr jetzt näher zusammenrücken müsst als vorher.

Vielleicht kannst du es einmal so sehen: Wenn in einer Familie ein Mitglied stirbt, dann kommt das ganze Familiengefüge aus dem Gleichgewicht, Rollen müssen neu verteilt und besetzt werden, neue Bündnisse entstehen, alte werden gelockert oder gar aufgelöst. Bis das neue Gleichgewicht gefunden ist, bis die Beziehungen sich im System neu verknüpft oder auch gelöst haben, braucht es natürlich Zeit und Geduld. Man muss mit Enttäuschungen und Kränkungen rechnen, auch wenn man die im Moment gar nicht brauchen kann. Wenn sich dadurch Beziehungen lösen oder lockerer werden, dann ist das zunächst konfliktträchtig, tut weh, langfristig sagen Betroffene aber auch, dass sich dadurch neue Wege aufgetan haben, weil oberflächliche Beziehungen enttarnt werden konnten und Freiräume geschaffen haben für Neues. Andererseits gibt die Neubildung des Familiensystems auch die Basis für die Verstärkung von bestehenden Bündnissen.

Lass es einfach einmal arbeiten in eurem Gefüge und schau, in welche Richtung sich die Beziehung zu deiner Schwiegermutter und den anderen Familienmitgliedern entwickelt. Ich würde jetzt vorläufig weder in die eine noch in die andere Richtung hinarbeiten. Es wird sich fügen. Wenn deine Kinder zur Oma wollen, dann biete ihnen die Möglichkeit, wenn sie nicht wollen, dann belass es dabei.

Es ist besser, auf seine Gefühle zu hören als über seinen Schatten zu springen. Sprich aber darüber, denn wenn die anderen wissen, was in dir vorgeht, dann fällt es allen leichter mit der neuen Situation umzugehen.

Alles Liebe,
Christine