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Weil Trauer
wie Liebe ist

Von Christine Pernlochner-Kügler | Wenn ein geliebter Mensch stirbt, belastet uns häufig besonders die Frage nach dem Warum. Aber warum fragen wir dauernd nach dem Warum, obwohl es keine Antwort gibt?

Warum grübeln wir, obwohl wir wissen, dass das Grübeln die Gefahr in sich trägt, dass es uns noch weiter hinunterzieht ins schwarze Loch? Ist das Warum nur in unser Leben gekommen, um es uns noch schwerer zu machen?

Wie können wir mit dieser quälendsten aller Trauer-Fragen umgehen? Ich selbst habe oft den Rat gegeben, Grübel-Fragen als unbeantwortbare Fragen, als Monster zu identifizieren, die uns ins tiefe Loch der Depression hinunterziehen können, wenn wir uns ihnen zu sehr hingeben. Dass diese Fragen aufkommen, ist ein Zeichen dafür, dass wir uns damit beschäftigen, was passiert ist, und dass der Bearbeitungsprozess in Gang gekommen ist. Bevor uns diese unbeantwortbaren Grübel-Fragen aber hinunterziehen, müssen wir uns überlegen, wie wir mit ihnen umgehen. Wir können versuchen sie zu stoppen, indem wir sie als Grübel-Fragen erkennen und trotzig antworten: Warum nicht? Darum eben! Eben weil!

Man kann einer Warum-Frage auch so begegnen: „Liebe Grübel-Frage, du tust mir nicht gut, weil es auf dich keine Antwort gibt, darum Stopp!“ Man kann dabei den Kopf schütteln, so als würde man diese Frage aus dem Hirn hinaus schütteln. Das klappt tatsächlich. Mitunter jedenfalls. Bis sich diese blöden Warum-Fragen wieder aufzudrängen beginnen. Sie sind nämlich hartnäckig. Warum aber sind Grübel-Fragen so hartnäckig?

„Irgend etwas in uns hat offenbar gute Gründe, so beharrlich bei der Sache zu bleiben“, meint Barbara Pachl-Eberhart: „Liebes Warum, kann es sein, dass du in unser Leben gekommen bist, um unsere Entwicklung voranzutreiben? Hast du dich als große Unbekannte verkleidet, dass wir dich auf möglichst vielfältige Weise ergründen und dabei, wie aus Versehen, viel mehr finden als nur simple Antworten? Mit deiner Hilfe erlernen wir die Sprache der Trauer, die Sprache des Glaubens, die Sprache eines neuen Lebens.“

Ich füge hinzu: und die Sprache der Philosophie. Sie ist nämlich die Meisterin im Fragenstellen, ohne wirklich endgültige Antworten finden zu wollen.

Wir können die lästigen unbeantwortbaren Fragen also zu stoppen versuchen, sie mundtot machen. Oder aber wir heißen sie als philosophisch-existenzielle Fragen willkommen und akzeptieren staunend, dass es Vorkommnisse im Leben gibt, die uns die Antwort schuldig bleiben. Und schließlich können wir versuchen, diese Fragen umzuformulieren und zu sehen, ob sich uns Antwortmöglichkeiten auftun, die uns vielleicht sogar weiterbringen. Barbara Pachl-Eberhart formuliert die Frage „Warum ist ausgerechnet sie/er gestorben?“ um in die Frage „Warum, glaubst du, hat sie/er überhaupt gelebt?“ Diese Frage stellt nicht den sinnlos scheinenden Tod eines Menschen in den Mittelpunkt, sondern den Sinn des Lebens dieses einen Menschen, auch wenn das Leben sehr kurz war. Die möglichen Antworten, die wir auf diese Frage finden, sind hoffentlich dergestalt, dass wir sehen, dass ein Leben nicht sinnlos und vergebens war, sondern

Lebenswert

vielleicht sogar besonders schön und voller Intensität. Und vielleicht erkennen wir dann, dass dieses Leben Spuren hinterlässt, die anfangs zwar weh tun, aber nach einer Zeit mit Dankbarkeit und Freude verbunden sind. Spuren, denen wir vielleicht erst nachträglich Bedeutung zumessen können, weil es eben Spuren sind, die wir während der Lebenszeit des Menschen gar nicht wahrgenommen haben: Das können schöne, einzigartige Erlebnisse sein, Lustiges oder etwas, das wir von diesem Menschen gelernt haben.

Warum gerade er/sie? Warum passiert das ausgerechnet mir? Darum. Eben weil. Weil es jedem passiert — früher oder später. Jeder muss sterben. Und jeder trauert um Menschen, die vor ihm sterben, eben weil Trauer wie Liebe ist und zum Leben dazugehört.

Wenn wir lieben dürfen, dann ist da auch Trauer, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Die Trauer ist der Preis für die Liebe. Würden wir auf die Liebe verzichten wollen, einfach um sicher zu gehen, dass wir nie trauern müssen? Würden wir im Nachhinein auf das verstorbene Kind verzichten wollen, einfach um den Schmerz nicht zu haben, nachdem es verstorben ist? Ich kenne keine Eltern, die zur Antwort geben: Hätte mein Kind doch niemals gelebt!

Wie armselig und traurig wäre das Leben ohne Zuwendung und Liebe! Wir wären gar nicht lebensfähig ohne sie. Ja, die Trauer ist der Preis für die Liebe, aber vielleicht gar nicht so sehr ein Preis, den wir bezahlen müssen, sondern ein Preis im Sinne eines Gewinnes. Ein Hauptpreis, eine Trophäe vielleicht. Weil wir an diesem Preis erkennen können, wie wichtig ein Mensch war, und weil wir nach dem zweifelsohne schmerzhaften, anstrengenden und Kräfte zehrenden Prozess der Trauer auch sehen können, was wir alles gewonnen haben, auch wenn ein Mensch nur sehr kurz an unserer Seite war. Voraussetzung für ein gutes Weiterkommen im Leben und für den Hauptpreis ist aber, dass wir gut mit uns und dem Warum umzugehen lernen.

Was wir geschenkt bekommen haben, das geben wir nicht gerne wieder her. So sind wir Menschen. Wenn wir ein Geschenk trotzdem hergeben müssen, dann dürfen wir traurig und wütend sein, das ist natürlich. Aber mit der Zeit sollte es uns gelingen, uns darauf zu konzentrieren, dass wir etwas geschenkt bekommen haben, und nicht darauf, dass es uns genommen worden ist. Wir werden dann erkennen, dass etwas von diesem Geschenk immer bleibt, auch wenn das Geschenk physisch nicht mehr da ist. Und wir sollten uns darauf konzentrieren, dass diese Tatsache viel wichtiger ist als die Frage, ob der Zeitpunkt der richtige war, an dem es uns genommen wurde. Denn den richtigen Zeitpunkt gibt es aus unserer Sicht niemals, egal wie lange wir dieses Geschenk hatten oder wie alt es werden durfte.

Buchtipp, um im Sommer nicht ins tiefe Loch der Trauer zu fallen: „Warum gerade du? – Persönliche Antworten auf die großen Fragen der Trauer“ von Barbara Pachl-Eberhart.