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Wenn Kinder
noch vor ihrer
Geburt sterben

Von Christine Pernlochner-Kügler | Auch Kinder, die vor der Geburt oder nur kurz danach sterben, sollen einen Platz der Erinnerung in ihren Familien haben.

Liebe Christine,

nachdem meine Tochter ihr erstes Kind in der 29. Schwangerschaftswoche verloren hat, hat ihr eine Hebamme gesagt, dass mehr als 30 Prozent der Frauen von Totgeburten betroffen sind. Wir waren sehr überrascht, hatten wir doch als Familie den Eindruck, dass wir allein mit unserem Schicksal sind. Auch haben wir nicht wirklich Angebote von Trauergruppen oder Selbsthilfegruppen gefunden und versucht, den Verlust in der Familie selbst zu bewältigen. Hast du eine Ahnung, wie all die anderen Mütter und Väter damit umgehen?

Liebe Grüße Hedi

Liebe Hedi,

wenn man alle Aborte, tot geborenen Kinder und lebend geborenen Kinder, die im Säuglingsalter versterben, zusammenrechnet, dann stimmt die Aussage der Hebamme sicher. Nicht vergessen darf man auch die Schwangerschaftsabbrüche. Gynäkologinnen und Gynäkologen gehen außerdem davon aus, dass sehr viele Frühaborte gar nicht bemerkt werden, da sie mit einer schmerzhaften und etwas stärkeren Regelblutung verwechselt werden. Wenn man diese Dunkelziffer dazurechnet, dann sind sogar an die 50 Prozent der Frauen betroffen.

Von einem Früh-Abort spricht man, wenn die Schwangerschaft vor der 12. Woche endet, das Kind spontan ausgestoßen wird oder die Frucht stirbt und mittels Kürettage (Ausschabung) entfernt werden muss. Von einem Spät-Abort spricht man, wenn das Kind nicht überlebensfähig war und mit unter 500 Gramm tot zur Welt kommt. Aborte werden auch als Fehlgeburten bezeichnet.

Man kann durchaus sagen, dass der Tod von Kindern in einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft eigentlich eine kollektive Erfahrung ist und in jeder Familie vorkommt. Die Betroffene tragen solche Verlusterfahrungen aber vielfach nicht nach außen, sondern sprechen nur im engsten Familien- und Freundeskreis darüber. Das hat damit zu tun, dass man Schwangerschaften in einem frühen Stadium generell noch nicht bekannt gibt, aber auch damit, dass Eltern, die ein Kind verlieren, die Bewältigung des Verlustes eher im Schutz des engsten und vertrauten Kreises suchen. Das ist auch natürlich, denn der soziale Radius eines Kindes ist — auch wenn es lebt — bis zum Eintritt in den Kindergarten der Kreis der Familie und der engen Freunde. Je älter ein Kind wird, desto eher erfährt auch das größere Umfeld bzw. die Öffentlichkeit von seinem Tod.

Das ist wahrscheinlich auch mit ein Grund, warum Selbsthilfegruppen nicht wirklich zustande kommen oder sich nach einiger Zeit auflösen. Meiner Erfahrung nach bewältigen Eltern und Familien den Verlust eines Kindes vor während oder kurz nach der Geburt sehr gut, wenn sie vom Kreißsaal bis zur Verabschiedung und Bestattung des Kindes gut begleitet werden: Das heißt, dass sie im Kreißsaal ermutigt werden, das tot geborene Kind zu begrüßen, dass Eltern und

Lebenswert

später auch den anderen Familienmitgliedern Zeit gegeben wird, Erinnerungen an das Kind zu sammeln und mitzunehmen und sich liebevoll zu verabschieden.

Denn egal, wie viel Gramm Gewicht ein Kind hat, ob es schon als Kind erkennbar ist oder noch Frucht ist, es darf und soll einen Platz in der Familie und in der Erinnerung behalten. Je entwickelter und ausgebildeter ein Kind ist, desto weniger schwierig ist es, es den Eltern in den Arm beziehungsweise der Mutter auf den Bauch zu legen, desto mehr Erinnerungen kann man sammeln — da sind Hand und Fußabdrücke möglich, eventuell hat das Kind schon Haare und man kann eine Haarlocke mitnehmen. Fotos werden gemacht. Ist das Kind nach einer Kürettage nicht mehr intakt oder ist erst die Frucht ausgebildet, gibt es trotzdem Formen und Möglichkeiten, liebevoll Abschied zu nehmen. Ich biete Eltern an, diese Kinder von der Pathologie abzuholen und packe sie wie ein kleines Geschenk in eine bunt bedruckte Windel. Die Eltern können ihr Kind dann zwar nicht sehen, aber halten und gemeinsam mit mir in einen Frühchensarg einbetten und sich verabschieden. Das Angebot gilt auch für Kinder, die aufgrund eines Schwangerschaftsabbruches verstorben sind. Gerade für diese Eltern ist der liebevolle Abschied wichtig, um Schuldgefühle zu reduzieren.

Eltern können den Sarg grundsätzlich auch selbst zimmern oder aber ein kleines Behältnis mitbringen, in das ihr Kind gebettet wird — das muss bei ganz kleinen Kindern nicht notwendigerweise ein Sarg sein.

Die Abschiedsfeierlichkeit oder das Abschiedsritual findet erfahrungsgemäß immer im kleinen Rahmen statt, dem natürlichen sozialen Radius des Kindes entsprechend. Wenn es dann gelingt, mit der Familie eine stimmige Feier zu entwickeln und zu gestalten, in der heilsame, tröstliche Rituale, Texte und Musikstücke einen Platz haben, welche der Weltanschauung der Familienmitglieder entsprechen, kann der Trauerprozess auf einem gesunden Weg bewältigt werden. Ich mache die Erfahrung, dass sich Eltern nach dieser ersten intensiven Zeit relativ rasch wieder erholen und neuen Mut schöpfen. Oft bekomme ich nach ein oder zwei Jahren Geburtskarten von diesen Eltern: Eine weitere Schwangerschaft ist dann geglückt, ein weiteres Kind wurde geboren, lebt und ist gesund. Mich freut das immer unglaublich. Sind doch diese Paare nicht am frühen Verlust gescheitert und haben nicht den Mut verloren, es nochmal zu versuchen.

Wenn Mütter und Väter einen erschwerten Trauerprozess durchlaufen oder Trauer gar in Krankheit entgleist, gibt es bei uns sehr gute Angebote der Trauerbegleitung oder auch Therapieangebote im Einzel-Setting oder für Paare. Ich glaube aber, dass es für Betroffene hilfreich ist, wenn sie erfahren, dass sie nicht alleine sind. Darum danke, liebe Hedi, für deine Anfrage! Ein Ratgeber zu diesem Thema liegt übrigens bei uns im Büro in der Schöpfstraße 37 auf.

Alles Liebe und Gute deiner Tochter und der ganzen Familie!
Christine