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Wenn Trauernde mit ihrem Schmerz hadern

Von Christine Pernlochner-Kügler | Ist nicht etwas zu verlieren schlimmer, als etwas nie gehabt zu haben?

Chris‘ Frau ist an Brustkrebs erkrankt und vor zwei Jahren gestorben. Er schreibt im ASPETOS-Trauerforum: „Ich stell mir gerade die Frage, wie mein Leben verlaufen wäre ohne die 16 schönen Jahre. Ich hab in dieser Zeit viel Schönes erlebt und vieles gelernt. Bin dafür auch dankbar. Dennoch: Ist nicht etwas zu verlieren schlimmer, als etwas nie gehabt zu haben? Wenn die nächsten 30 Jahre ähnlich verlaufen wie das letzte Jahr, dann muss ich klar sagen, dass die schönen Momente den permanenten Schmerz nicht ausgleichen können.“

Spruch #1: „Es ist besser, geliebt und verloren zu haben, als niemals geliebt zu haben.“ (Samuel Butler)

Spruch #2: „Wenn ich gewusst hätte, wie schwer es ist, deine Hand loszulassen, hätte ich sie niemals berührt.“

Ich sollte mich an Spruch #1 orientieren, tatsächlich trifft Spruch #2 auf mich eher zu.

Wenn Trauernde mit ihrem Schmerz hadern, formuliere ich gerne folgendes Gedankenexperiment: Stell dir vor, es kommt ein Zauberer und nimmt dir deinen Schmerz komplett weg. Morgen ist der Schmerz nicht mehr da und kommt auch nie wieder. Würdest du das gut finden?  Es kommen eigentlich alle zu dem Schluss, dass es für sie nicht stimmig wäre, wenn der Schmerz plötzlich und für immer weg wäre. Warum? Weil sie intuitiv wissen, dass die Trauer eine natürliche Reaktion auf den Verlust ist und auch ein Zeichen für ihre Liebe und Verbundenheit zum Verstorbenen. Härter formuliert: Trauer ist der Preis dafür, dass wir lieben durften. Die Frage ist natürlich, ob dieser Preis nicht zu hoch ist. Deshalb hadert Chris und kommt mit Spruch #2 zum radikalen Schluss: „Wenn ich gewusst hätte, wie schwer es ist, deine Hand loszulassen, hätte ich sie niemals berührt.“

Auf „Hätte-Wäre-Sprüche“, auf Aussagen im Konjunktiv, ist schwer zu antworten, weil man ja nie sicher sagen kann, wie es einem wirklich ergangen wäre, hätte man dieses getan oder jenes unterlassen. Trotzdem muss ich sagen, Spruch #2 gilt für mich nicht. Philosophisch betrachtet:

Lebenswert

Ohne andere Menschen können wir nicht leben. Das hat schon der altgriechische Philosoph Aristoteles erkannt, als er den Menschen als „zoon politikon“, als ein Wesen, das auf die Gemeinschaft angelegt ist, bezeichnete. Der Mensch ist ein Wesen, das andere Menschen zum Leben braucht. Psychologisch betrachtet: Liebe, Zuwendung und Anerkennung sind menschliche Grundbedürfnisse. Ohne sie vegetieren wir dahin, führen kein zufriedenes und gutes Leben.

Chris hätte ohne seine Frau nicht automatisch 16 glückliche Jahre gehabt. Er wäre, wenn er sie nicht sie getroffen hätte, voller Sehnsucht auf der Suche nach jemandem oder etwas gewesen, hätte vielleicht auch jemanden gefunden. Hätte mit etwas Glück eine Hand berührt, die er länger als 16 Jahre halten hätte dürfen. Oder hätte eine grauenhafte Beziehung geführt. Hätte sich getrennt, weil es doch nicht die richtige gewesen wäre. Hätte weiter gesucht. Wäre voller Sehnsucht gewesen. Vielleicht. Wahrscheinlich.

Jemanden, den man liebt, verlieren zu müssen, ist bitter, schmerzhaft, traurig, keine Frage. Der Prozess der Trauer ist aber keine Krankheit, sondern ein Heilungsprozess, durch den man durch muss, um am Ende etwas Neues beginnen zu können und wieder neue Lebensfreude zu finden.

Ich sehe es so wie Hedi, die ihren Mann verloren hat. Sie schreibt:
„Ich habe mir vorgestellt, ich wäre vor der Entscheidung gestanden, mir hätte man in meinem Leben sozusagen ein ‚Mitspracherecht‘ eingeräumt.  Hätte man mich gefragt: ‚Willst du 27 Jahre deines Lebens einen Partner an deiner Seite haben, mit dem du dich eins fühlst, mit dem du die meiste Zeit glücklich bist und ihr euch wunderbar ergänzt? Oder ist es dir lieber, diesen Partner gibt es gar nicht und du bleibst alleine, sicher nicht so erfüllt und glücklich, aber halbwegs zufrieden?‘ Ich sage dir jetzt was, ich glaube, ich hätte mich wieder für ihn entschieden. Der Schmerz ist zwar groß, aber ein ‚halbwegs zufrieden‘ wär mir nicht genug gewesen. Vielleicht folgt auf die Zeit der Trauer dann den Rest meines Lebens ein ‚halbwegs zufrieden‘, wär o.k. Aber, was wir hatten, hatten wir, und das war sehr viel!“