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Nahtod-
Erlebnisse

Von Christine Pernlochner-Kügler | Bei dem Phänomen des sogenannten Nahtod-Erlebnisses ist immer noch vieles unerforscht.

Hallo Christine,
mich beschäftigen Nahtod-Erlebnisse schon lange. Seit ich die Bücher von Raymond A. Moody und Elisabeth Kübler-Ross dazu gelesen habe, habe ich einfach viel weniger Angst vor dem Tod. Am vergangenen Wochenende war ich bei Bekannten eingeladen und da wurde heiß über dieses Thema diskutiert. Ein anwesender Arzt meinte, dass Kübler-Ross‘ und Moodys Untersuchungen unwissenschaftlich wären und dass die außerkörperlichen Erfahrungen von klinisch toten Patienten auch nichts zu sagen hätten.
Nun würde mich interessieren, was du davon hältst. Was bedeuten diese Phänomene für dich? Geben sie dir Hoffnung? Hast du Erfahrungen mit Verstorbenen, die Hinweise auf ein Leben nach dem Tod geben? Nimmst du an Verstorbenen irgendetwas war, dass da etwas Geistiges ist, das den Körper verlässt? Man spricht ja von drei Tagen, die die Seele braucht, um den Körper zu verlassen.

Herzliche Grüße
Theresa

Liebe Theresa,

ich habe in den zwölf Jahren, die ich im Bestattungsbereich tätig bin, niemals ein Erlebnis gehabt, das auf die Existenz der Seele hinweisen könnte. Angehörige haben mitunter das Gefühl, ihre Verstorbenen zu spüren, zu hören oder zu riechen, oder sie glauben, dass bestimmte Phänomene als Botschaften von ihrem Verstorbenen zu deuten sind. Ob es eine „geistige Welt“ gibt, kann ich natürlich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass diese Erlebnisse Halluzinationen oder Fehldeutungen ganz normaler Phänomene sind, die auf die große Sehnsucht nach dem Verstorbenen zurückzuführen sind. Ganz sicher halte ich aber nichts von Medien, die vorgeben, Kontakte zu Verstorbenen im Jenseits herstellen zu können.

Ich selbst erlebe Verstorbene als leblose Körper. Dass sich in den ersten drei Tagen die Seele vom Körper trennt, würde ich ins Reich der Mythen und der Esoterik verbannen.

Das Sterben ist ein Prozess. Bis die letzte Körperzelle abgestorben ist, vergehen nach dem Individualtod noch einige Tage. Der Individualtod oder „Hirntod“ ist der Zeitpunkt, ab dem ein Mensch nicht mehr reanimiert werden kann. Er ist ein medizinisch künstlich festgelegter Zeitpunkt, der im Falle der Organspende eine Rolle spielt oder in der Frage, ob lebenserhaltende Maßnahmen eingestellt werden sollen.

Das langsame Absterben des Körpers bewirkt, dass der Leichnam von Tag zu Tag „hüllenhafter“ wirkt. Was wir mit „Lebendigkeit“ verbinden und als solche wahrnehmen, verschwindet, das hat aber nichts mit dem Entweichen der Seele zu tun, sondern mit den ganz materiellen Veränderungen des Körpers: In den ersten Stunden treten Totenflecken auf, weil das Blut der Schwerkraft folgend nach unten sinkt, die Totenstarre tritt ein, das Gewebe verhärtet sich, bekommt oft eine Konsistenz wie Knetmasse und wirkt maskenhaft. Die Haut verliert an Feuchtigkeit, wird trocken, das Auge trocknet ein und fällt nach innen. Ich hatte auch noch nie die Wahrnehmung oder das Gefühl von Seelen, Geistern oder ähnlichen Phänomenen, welche neben oder über dem Leichnam im Raum schweben – so wie es Betroffene beschreiben, die selbst eine außerkörperliche Erfahrung im Rahmen einer Nahtod-Erfahrung gemacht haben.

Nahtod-Erfahrungen gab es historisch betrachtet immer schon, aber nicht alle Menschen, die ein Nahtod-Erlebnis hatten, befanden sich tatsächlich auch in der Nähe des Todes. Viele Menschen waren gesund und auch in keiner lebensbedrohlichen Situation. Stress, Meditation oder Drogeneinfluss können diese Erlebnissen verursachen. Todesnähe-Erlebnisse von so genannten „klinisch toten Menschen“ fallen mit dem Herztod zusammen. Der Herzstillstand oder „Herztod“ ist aber kein Zustand, von dem man sagen kann, dass der Tod wirklich eingetreten ist. Das Herz steht still, der Kreislauf bricht zusammen, die Sauerstoffversorgung wird unterbrochen, aber der Patient hat gute Chancen reanimiert zu werden.

Nahtod-Erfahrungen wurden in den 70er-Jahren durch Raymond A. Moodys und Kübler-Ross´ Interviews mit Betroffenen populär. Diese Untersuchungen wurden im Umfeld der New Age-Bewegung durchgeführt. Viel zu sehr wurde davon ausgegangen, dass es einen Beweis für ein Leben nach dem Tod gibt und dass diese Phänomene Beweise wären. Aus heutiger Sicht sind die Forschungen von Moody und Kübler-Ross tatsächlich sehr eingleisig, unwissenschaftlich und haben einen für die New Age-Bewegung typischen esoterischen Einschlag.

Laut Moody und Kübler-Ross sind sich alle Nahtod-Erlebnisse sehr ähnlich. Sie behaupten, es gebe sogenannte Kernerfahrungen, die universell sind: Die von ihnen befragten Personen schildern, dass sie durch einen Tunnel in ein Licht gegangen, dort einem göttlichen Wesen begegnet sind und ein Gefühl der Freude, des Friedens und des Glücks empfunden haben. Viele Personen berichten von außerkörperlichen Erfahrungen, etwa davon, dass sie sich über ihrem Bett oder über dem Unfallort schwebend erlebt haben und beobachten konnten, was mit ihrem Körper geschah, oder davon, dass sie Episoden des eigenen Lebens wie einen Film ablaufen haben sehen. Mittlerweile können diese Erfahrungen rein physiologisch erklärt werden: Die Wahrnehmung des Lichttunnels etwa hat zur Ursache, dass nach einem Herzstillstand zuerst alle Organe ausfallen, die am empfindlichsten auf Sauerstoffentzug reagieren. Die Funktion der Netzhaut fällt kreisförmig aus und es kommt durch Sauerstoffentzug zu einem Tunnelblick mit Lichtpunkt am Ende. Der Tunnel ist also nichts

Lebenswert

anderes als das Produkt fortschreitender Blutarmut in der Netzhaut und nicht ein Übergang ins Jenseits. Sauerstoffmangel löst des Weiteren eine Fehlfunktion der Präfrontallappen aus, welche Ursache für das Empfinden von Glückseligkeit, Ruhe, Frieden und Heiterkeit sind. Sehr viele Erlebnisse, wie der Lichttunnel, spirituelle Gestalten und positive Gefühle, sogar das Ablaufen von Lebensepisoden können mittlerweile experimentell im Labor mittels Stimulierung bestimmter Hirnregionen durch elektrische Impulse nachgestellt werden.

Der Soziologe Hubert Knoblauch, der sich seit den 90er Jahren intensiv mit der Erforschung von Nahtod-Erlebnissen auseinandersetzt, hat in sehr breit angelegten Studien gut belegen können, dass es auch diese von Moody und Kübler-Ross behauptete Einheitlichkeit der Erlebnisse bei genauem Hinsehen gar nicht gibt. Die Erfahrungen sind sogar sehr unterschiedlich und auch im Kulturvergleich gibt es eine sehr große Varianz. Damit ist gemeint, dass positive Nahtod-Erlebnisse von Christen als himmlische Erfahrungen und Begegnung mit Jesus oder Gott wahrgenommen werden, von Buddhisten als Begegnung mit Buddha, von Juden als Begegnung mit Moses. Hindus erleben ihre eigene Wiedergeburt. Es gibt doppelt so viele Ostdeutsche, die negative Nahtod-Erlebnisse haben wie die christlich geprägten Westdeutschen, was laut Knoblauch an der religiösen Prägung liegt, die in Ostdeutschland während des Kommunismus verloren gegangen ist.

Die Einheitlichkeit der Erfahrungen wurden von Kübler-Ross und Moody also in die Intervies hineininterpretiert bzw. diese Ergebnisse resultierten aus Suggestiv-Fragen. Aussagen, die nicht ins gewünschte Bild passten, wurden einfach unter den Tisch fallen gelassen.

Dass manche Patienten von der „Klarheit“ ihrer Nahtod-Erlebnisse erzählen, ist auch nicht überraschend. Auch psychedelische Drogen erzeugen oft „klare“ und besonders intensive Erlebnisse. Versuche, bei denen Leute während außerkörperlicher Erfahrungen irgendwelche Informationen gewinnen und anschließend darüber berichten sollen, werden seit Jahrzehnten durchgeführt. Immer ohne Erfolg. Wenn man viele Fälle untersucht, wird man natürlich auch einige positive Fälle finden. Es wird also z.B. einige Patienten geben, die mehr oder weniger richtige Informationen von ihrem außerkörperlichen Ausflug mitbringen. Diese lassen sich als Zufallstreffer im Rahmen der statistischen Wahrscheinlichkeit verstehen.

Das gilt auch für die als „Peak-in-Darien“-Erlebnisse bekannten Fälle. Dabei „begegnet“ jemand während eines Nahtod-Erlebnisses einem kürzlich verstorbenen Menschen, von dem er nicht wusste, dass er tot ist. Wieder Zufallstreffer. Unter sehr vielen Fällen wird es auch einige solche geben. Wir träumen z.B. oft von irgendwelchen Menschen. Und manchmal wird es vorkommen, dass einer dieser Menschen in Wirklichkeit gestorben ist, ohne dass wir es wissen.
 
Es ist bekannt, dass Menschen nach einem Nahtod-Erlebnis manchmal von Dingen berichten, von denen sie eigentlich nichts erfahren haben können. Häufig steckt dahinter „Kryptomnesie“, also eine verschüttete Erinnerung. Ein Patient kann z.B. vor einer Operation etwas gesehen haben und diese Information später reproduzieren, ohne sich daran zu erinnern, dass er es schon gesehen hat.

Es ist auch bekannt, dass Menschen während einer Narkose Informationen aus der Umgebung aufnehmen, z.B. über die Ohren. Die visuelle Erinnerung ist konstruktiv, sie erfindet dann die passenden Bilder dazu. Wenn z.B. ein Arzt während der Operation einen Stuhl umgeworfen hat, dann kann der Patient dies während der Operation gehört und in ein visuelles Bild umgesetzt haben. Wenn Betroffene nach einer Reanimation wieder zu sich kommen und von einem Nahtod-Erlebnis erzählen, dann weiß man nicht, wann genau diese Erfahrung gemacht wurde. Das Erlebnis kann vor dem Herzstillstand, während des Infarktes, während oder sogar nach der Reanimation stattgefunden haben. Wir sprechen da von einem Zeitraum von einigen Minuten bis hin zu Stunden nach dem Aufwachen nach einer Narkose.

Auf keinen Fall ist der Betroffene in diesem Zeitraum wirklich tot, sein Gehirn und seine Sinneswahrnehmungen funktionieren, der Körper steht unter Stress und es werden Medikamente verabreicht.

Das alles kann die Körperwahrnehmung stark verändern oder verschieben, das Phänomen der außerkörperliche Wahrnehmung kann alleine durch starken Stress ausgelöst werden. In der Psychotraumatologie kennt man das Phänomen als „Depersonalisation“, ein Symptom, das als psychische Schutzreaktion ihm Rahmen traumatischen Erlebens auftreten kann, im Volksmund kennt man das Phänomen, wenn jemand von sich behauptet „neben sich zu stehen“.

Bei dem Phänomen des sogenannten Nahtod-Erlebnisses ist immer noch vieles unerforscht. Aber eines ist sicher: Nahtod-Erlebnisse lassen nicht auf die Existenz einer Seele oder eines nach dem Tod weiterlebenden Bewusstseins schließen, auch nicht auf ein Jenseits. Das menschliche Gehirn reagiert sehr sensibel. Wenn es dazu in der Lage ist, traumatische Situationen zu verschönern und angstfrei zu gestalten, dann ist das beruhigend. Aber ich denke, mit der Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt und ob und wie unser Bewusstsein weiter existiert, werden wir einfach leben lernen müssen.

Herzliche Grüße,
Christine