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Beerdigungs- und Trauerriten

Von Christine Pernlochner-Kügler | Totenbräuche gab es schon in der Steinzeit und sie sind heute noch weltweit verbreitet.

Liebe Christine,

was ist eigentlich das Gegenteil von Lebkuchen? Vielleicht Stirbtorte?! ☺

Libe Grüße,
Sonja

Liebe Sonja,

soweit ich herausfinden konnte, weiß man ja nicht genau, woher der Begriff Lebkuchen kommt. Obwohl er in manchen Regionen Deutschlands auch Labekuchen, Leckkuchen oder tatsächlich Lebenskuchen genannt wird, ist ungewiss, woher die ursprüngliche Bedeutung des Wortbestandteils leb kommt. Es könnte eine Ableitung von lateinisch libum (Fladen) sein oder aber eine Ableitung von Laib, womit früher ungesäuertes Brot bezeichnet wurde. Es ist aber wiederum unklar, woher die Bezeichnung Laib stammt. Daher weiß ich natürlich auch nicht, was das Gegenteil ist. Wenn wir aber den Lebkuchen als Lebenskuchen verstehen wollen, dann gibt es tatsächlich einen Gegenbegriff im Zusammenhang mit alten Totenbräuchen und Trauerriten.

Ein altösterreichischer Brauch war zum Beispiel das Verteilen von Toten- oder Konduktsemmeln als „Zehrung“ an die Trauergäste im Anschluss an das Begräbnis. Die Totensemmel war mit Mohn, Kümmel und Salz bestreut, was bösen Zauber abwehren sollte. Später wurde die Totensemmel zum Leichenschmaus erweitert, der neben dem Sinn der Stärkung früher auch der Versöhnung mit dem Verstorbenen und der Abwehr dunkler Mächte dienen sollte.

Totenbräuche, bei denen Mahlzeiten im Rahmen der Aufbahrung und des Begräbnisses eine wichtige rituelle Bedeutung hatten, gab es schon in der Steinzeit, und sie sind heute noch weltweit verbreitet. In vielen Kulturen spielte bei den rituellen Speisungen der Tote selbst eine Rolle, zum Teil wurden sogar Teile des Leichnams verzehrt, um etwas von ihm und seinen Kräften und Eigenschaften direkt an die Nachfahren weiterzugeben. Der Verzehr der Leiche der Eltern durch die Kinder spielt zum Beispiel beim Volk der Hua in Neuguinea heute noch eine Rolle. Die Hua glauben, dass dadurch die Lebenskraft „nu“ an die nachfolgende Generation übergeben wird. Wird der Leichnam nicht gegessen, geht „nu“ verloren, was zur Folge hätte, dass die Ernte, die Haustiere und die Kinder nicht gedeihen könnten.

In Europa spiegelte sich in den Beerdigungs- und Trauerriten des Volkes in den früheren Jahrhunderten eine Abwandlung dieses Rituals wieder, nämlich das Auflegen von Essen und Getränken auf die Brust des Verstorbenen, bevor man sie anschließend zu sich nahm. Im europäischen Mittelalter war es in manchen Regionen Brauch, dass die Frauen Hefeteig zubereiteten und dann zum Aufgehen auf den Toten legten. Der Hintergrund dieser Bräuche ist immer derselbe: Die Speise beziehungsweise der Teig nimmt Eigenschaften des Verstorbenen auf, welche so an die Hinterbliebenen übergehen, wenn sie zum Beispiel die Brote anschließend aßen. Eine große Rolle spielte der Brauch dann in christlichen Traditionen auch im Zusammenhang mit der Reinigung von Sünden: In manchen Gegenden in England und Irland war man der Meinung, dass Brot und Salz vor allem die Sünden des Verstorbenen aufnehmen können. Die Ärmsten der Gegend wurden dann als „sin-eater“ ins Trauerhaus bestellt. Sie bekamen das

Lebenswert

Brot und somit Nahrung, übernahmen dadurch aber auch die Sünden der Verstorbenen, denen so der Weg in den Himmel geebnet wurde. „Sündenesser“ waren, wie man unschwer erraten kann, arme Teufel, die vom Rest der Gesellschaft geächtet und anschließend an das Ritual oft geschlagen und misshandelt wurden. Nachdem der sin-eater schließlich verjagt wurde, verteilten Familienangehörige „saubere“ Stücke Brot oder Kuchen an die Trauergäste, die mit Bier hinuntergespült wurden.

Aus den Brot-Bräuchen entwickelte sich dann im viktorianischen England und den USA eine verfeinerte Form: Man begann so genannte funeral biscuits (Beerdigungskekse) oder mourning cookies (Trauerkekse) zu verteilen. Das waren kleine Küchlein aus Biskuit (für die, die sich Biskuit leisten konnten) oder Kekse aus Mürbteig mit sepulkralen Symbolen wie Kreuzen, Totenköpfen, Särgen, Krähen oder Palmzweigen verziert, die einzeln in Wachspapier verpackt von Bäckereien professionell verkauft wurden. Ähnlich der Hochzeitstorte gab es von da an eigene Backwaren für die Trauernden, welche im Anschluss an die Beerdigung verteilt wurden oder an jene versandt wurden, die nicht zur Feier kommen konnten. Die Tradition der funeral biscuits hatte noch im Ersten Weltkrieg Bedeutung und verschwand dann langsam.

Wer jetzt ob dieser Riten und Bräuche mit Grausen oder Belustigung reagiert, darf eines nicht außer Acht lassen: Das Abendmahl der christlichen Kirchen, bei dem der Leib Christi zu Brot und sein Blut zu Wein gewandelt und anschließend den Gläubigen zur Speisung gereicht wird, trägt dieses archaische Motiv der rituellen Speisung durch den Leichnam bis heute weiter. Hier geht es einerseits um die Stärkung der Gläubigen, aber auch um die Übernahme von Sünden durch Jesus Christus.

Im katholischen Sakrament der Krankensalbung oder „Letzten Ölung“ finden wir außerdem als Teile der Versehgarnitur neben Kerzen, Kreuz und Wattebäuschen auch kleine Schüsselchen, die früher mit Brotkrumen und Salz gefüllt wurden. Salz und Brot hatten auch hier die Funktion der Reinigung von den Sünden: Je nach Gegend wurden Salz, Brot und die mit Öl in Berührung gekommenen Wattebäuschchen anschließend an die Krankensalbung im Ofen verbrannt oder aber im Garten vergraben.

Liebe Sonja, danke für deine Anfrage, sie hat mich dazu motiviert, die Tradition der funeral biscuits wieder einzuführen. Ab sofort gibt es in meiner Firma beim Abschied am offenen Sarg das extra kreierte „Trauerkeks“ als Stärkung für die Angehörigen!

Danke!
Christine

Trauerkeks