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punktierte Linie

Gegen das Grübeln hilft nur Üben

Von Christine Pernlochner-Kügler | Eine Mutter betrauert den Tod ihres Kindes. Sie kann das Grübeln über das Weshalb und Warum nicht mehr abstellen.

Liebe Christine,

nach dem Tod unseres Kindes quälen mich regelmäßig Fragen. Besonders dann, wenn ich mich entspannen will, kommen diese Gedanken. Es sind die Fragen „Warum unser Kind?“, „Haben wir etwas falsch gemacht?“, „Wie hätte ich es verhindern oder früh genug erkennen können?“ Ich weiß, dass es keine Antworten auf diese Fragen gibt, ich weiß, dass mich diese Fragen nicht weiterbringen. Aber wie kann ich dem Grübeln ausstellen?

Eine trauernde Mama

Lieber trauernde Mama,

Trauernde leiden sehr häufig unter solchen sich aufdrängenden „Grübel-Fragen“. Typisch sind die so genannten „W-Fragen“: Warum, weshalb, wieso ist gerade mir das passiert? Was hat das alles für einen Sinn? Wie hätte ich das verhindern können? Derartige Fragen sind, wie du richtig erkannt hast, unbeantwortbar und werden daher auch als äußerst quälend erlebt. Eben weil es keine gesicherte Antwort auf sie gibt, neigen sie dazu, in einer Endlosschleife immer wiederzukehren.

Dass sich im Verlaufe des Trauerprozesses Grübel-Fragen aufdrängen, ist ganz normal, sie sind einfach nur ein Zeichen dafür, dass der Bearbeitungsprozess im Gange ist. Wenn diese Fragen aber zu viel Raum einnehmen, werden sie gefährlich. Sie lenken von der aktiven und lebensbejahenden Auseinandersetzung mit dem Verlust ab und ziehen den Trauernden in einen Sog negativer Gedanken und Stimmungen. Damit wird auch das Abgleiten in eine Depression begünstigt.

Das Gleiche gilt für Selbstvorwürfe, die als negative Appelle im Konjunktiv auftauchen, wie „Hätte ich doch…!“ oder „Wäre ich doch…!“ Das Bereuen verpasster Chancen, das Bedauern von Fehlern und die Zweifel an getroffenen Entscheidungen sind ebenso quälend wie Grübel-Fragen. Der Sinn solcher Gefühle ist, aus Fehlern zu lernen, insofern sind sie grundsätzlich sehr wichtige psychische Kräfte. Sie motivieren uns, es in Zukunft besser zu machen. Allerdings ist nicht jeder, bei dem solche Gedanken und Gefühle auftauchen, schuldig oder hat eine falsche Entscheidung getroffen. Das Auftauchen von Schuldgefühlen, Reue, Zweifel und Selbstvorwürfen bedeutet nicht automatisch, dass man schuldig ist oder falsche Entscheidungen getroffen hat. Gerade nach einem Sterbefall drängen sich solche Gedanken und Emotionen aber oft auf, ohne dass man durch eine andere Entscheidung oder Lebensweise etwas hätte verhindern können — bzw. können wir im

Lebenswert

Nachhinein nicht wissen, ob wir den Lauf der Dinge überhaupt hätten beeinflussen können.

Wenn man merkt, dass man in einer Endlosschleife negativer Gedankengänge hängt und immer deprimierter wird, dann kann man sich überlegen, wie man den entgleisenden Bearbeitungsprozess wieder auf die richtige Bahn bringt: Hilfreich ist es, Grübel-Fragen und vorwurfsvolle Gedanken als quälend und unbeantwortbar zu erkennen und rechtzeitig zu stoppen. Man kann sie sich bildlich als kleine Monster vorstellen und immer, wenn sie auftauchen, laut „Stopp!“ sagen: „Stopp, du bist eine Grübel-Frage, du hilfst mir nicht weiter!“ Durch das klare Einstufen als „nicht hilfreich“, wird ein Bewusstsein dafür geschaffen, was hilft, und es wird am ehesten verhindert, dass diese Gedanken zu viel Raum gewinnen.

Auftauchenden Grübel-Fragen kann man beantwortbare Fragen entgegensetzen: Welche Bedeutung hatte der verstorbene Mensch für mich und mein Leben? Wofür bin ich dankbar? Auf welche Art und Weise begleitet er mich jetzt weiter? Oder: Was brauche ich jetzt gerade? Was ist mein Bedürfnis? Möchte ich mit jemandem sprechen? Möchte ich den Schmerz bewusst zulassen oder brauche ich gerade Ablenkung vom Schmerz? Was täte mir jetzt gut? Das sind Fragen, auf die man Antworten finden kann. Sie befreien Betroffene zwar nicht vom Schmerz der Trauer, aber sie bilden keinen Sog ins Negative, sondern binden in positiver Weise ans Leben an.

Ähnlich kann man mit Selbstvorwürfen der Sorte „Hätte ich doch …..!“ umgehen: Laut „Stopp!“ sagen und den quälenden Gedanken durch einen positiven, aufbauenden Gedanken ersetzen. Man kann nicht zwei Gedanken auf einmal denken, sondern immer nur einen, und man kann Gedanken auch nur hintereinander denken. Auf diese Weise ist es möglich, selbst zu beeinflussen, welchen Gedanken man denken will und welchen nicht. Das klappt meist nicht sofort reibungslos, aber mit der Zeit bekommt man Übung. Es ist wie eine Fertigkeit, die man sich aneignet und durch Wiederholung wird man immer besser. Eine betroffene Mutter hat es einmal so beschrieben: „Ich übe und übe und übe und falle dennoch sehr oft in alten Gedankenmuster zurück. Inzwischen klappt das Ändern der Gedanken aber immer öfter. Natürlich gibt es Rückfälle, doch das gehört dazu! Zum Glück stehe ich dann wieder auf, rücke mein Krönchen zurecht und übe weiter. Dieser Weg ist mühsam, aber antriebslos und depressiv gestimmt zu sein, ist noch leidvoller, noch kräftezehrender.“

Alles Liebe und Gute fürs Üben und
viel Kraft wünscht
Christine