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Erste Hilfe bei Suizidgedanken

Von Christine Pernlochner-Kügler | Obwohl die Suizidrate in Österreich und Deutschland seit Jahren sinkt, übersteigt sie immer noch bei weitem die Zahl der Todesfälle im Straßenverkehr.

Liebe Christine,

vor Kurzem habe ich gelesen, dass besonders im Frühjahr viele Menschen Suizid begehen. Mich hat das sehr erschreckt, da man doch im Winter eher unter Depressionen leidet. Kannst du das bestätigen?

Liebe Grüße,
Andi

Lieber Andi,

Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist es wirklich so, dass ausgerechnet im Frühling die meisten Suizide und auch Suizidversuche verübt werden. Das ist nicht nur mein subjektiver Eindruck, das ist auch statistisch gut belegt.

In einer groß angelegten wissenschaftlichen Studie der Medizinischen Universität Wien konnte eine Erklärung dafür gefunden werden: Die Suizidhäufigkeit steht im Zusammenhang mit der Anzahl der Sonnenstunden am Tag und einem niedrigen Spiegel des Hormons Serotonin im Gehirn. In der Studie wurde die Zahl der Todesfälle durch Suizid nach Monaten und Methoden in den Jahren 1996 bis 2006 analysiert und mit den Daten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik verglichen. Die höchsten Suizidraten liegen laut Analyse zwischen März und Mai, im Juni und Juli sinkt die Anzahl leicht, einen Anstieg gibt es dann wieder im August. Die wenigsten Selbsttötungen werden zwischen November und Jänner verzeichnet.

Was geschieht in unserem Gehirn? Der Serotoninhaushalt wird auch durch die Lichteinstrahlung über die Augen beeinflusst. Wenig Lichteinstrahlung im Herbst und Winter führt zu einer ungebremsten Ausschüttung von Melatonin, einem Hormon, das unter anderem für die Aufrechterhaltung des Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich ist. Die Folge der übermäßigen Melatoninkonzentration im Gehirn ist, dass wir müde, schlapp und übellaunig werden und der Serotoninspiegel im Gehirn sinkt. Die Batterien, die wir im Sommer aufladen, werden immer schwächer.

In der dunklen Jahreszeit ist daher die mit der Depression verbundene Antriebslosigkeit bei vielen Menschen mit Suizidrisiko so stark, dass ihnen auch der Antrieb, dem Leben ein Ende zu setzen, fehlt. Wenn sich mit zunehmender Helligkeit der Antrieb bei bestehender depressiver Erkrankung wieder verbessert, kann der Wunsch, dem Ende ein Leben zu setzen, auch in die Tat umgesetzt werden. Aussagen von Angehörigen, dass Suizide völlig unvorhersehbar verübt wurden, weil es dem Verstorbenen doch gerade eben wieder etwas besser gegangen sei, stützen diese These. Das Erwachen der Natur und des Lebens draußen macht es für Menschen, die an Depressionen leiden, aber auch besonders krass deutlich, dass sie an diesem Leben nicht mehr teilnehmen können, wodurch der Leidensdruck und steigt und der Selbstwert sinkt.

Was auch kaum bekannt ist: Obwohl die Suizidrate in Österreich und Deutschland seit Jahren sinkt, übersteigt sie immer noch bei weitem die Zahl der Todesfälle im Straßenverkehr. Wir haben in Österreich in etwa doppelt so viele Suizide wie Verkehrstote.

Suizide und Suizidversuche gehen sehr häufig mit psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen,

Lebenswert

Bipolarer Störung, Borderline-Erkrankung, Angststörungen und Suchtverhalten einher. Zur Gruppe mit dem größten Risiko zählen Männer jenseits der 50, die geschieden, verwitwet oder alleinstehend und arbeitslos sind. Untersuchungen kamen zum Ergebnis, dass Suizide und Suizidversuche zu 80 Prozent in Zusammenhang mit Trennungen, drohender Trennung oder sozialer Isolation stehen. Ein Suizid oder ein Versuch ist demnach häufig ein Appell, eine menschliche Bindung wieder aufzunehmen beziehungsweise nicht abzubrechen. Der Wunsch, seinem Leben ein Ende zu setzen, basiert meist auf einer sehr subjektiven Bilanz des eigenen Lebens.

Bei einem großen Prozentsatz suizidgefährdeter Personen kann die Suizidabsicht mithilfe psychiatrischer Unterstützung korrigiert werden. Suizidäußerungen sind immer ernst zu nehmen, in den meisten Fällen handelt es sich um einen Appell an die menschliche Bindung aufgrund von Angst vor Trennung und/oder sozialer Isolation. Acht von zehn suizidalen Personen kündigen ihren Suizidversuch vorher direkt oder indirekt an. Neuere Studien über Suizidversuche kamen aber zu dem Ergebnis, dass lediglich vier Prozent der Suizidversuche wirklich sorgfältig geplant sind.
Wenn also ein Mensch in deiner Umgebung von Suizidabsichten oder -phantasien spricht oder du den Verdacht hast, dass er sich das Leben nehmen will, dann …

• nimm das grundsätzlich ernst.
• frag nach, wie konkret die Absichten sind und warum er oder sie sich das Leben nehmen will. Hab keine Scheu, ganz konkret danach zu fragen.
• Mach ein Gesprächsangebot, höre dem Menschen zu, auch wenn du im Moment keine Lösung anbieten kannst. Oft hilft suizidgefährdeten Menschen, dass jemand da ist, sich für sie interessiert und zuhört. Gespräche sind kein Ersatz für professionelle Hilfe, aber eine Form von „Erster Hilfe“.
• Hinterfrage die Hoffnungslosigkeit der Situation. Auch wenn du keine Lösung anbieten kannst, erkläre dem suizidgefährdeten Menschen, dass man mit professioneller Hilfe eine Lösung finden kann. Ziel ist, dass für eine kurzfristige Therapiemaßnahme gesorgt wird.
• Häufig suchen suizidgefährdete Personen „lediglich“ eine Lebenspause. Wenn man sie durch einen stationären Aufenthalt aus dem Krisenfeld bzw. der Konfliktsituation herausnimmt, hilft dies in den meisten Fällen, die Suizidgedanken zu korrigieren.
• Erkläre, dass  es bei einem stationären Aufenthalt nicht darum geht, jemanden „wegzusperren“, sondern ihm eine Pause zu ermöglichen und einen Weg aus der Krise zu finden.
• Binde weitere Angehörige oder Freunde mit ein, damit gesichert ist, dass der Betroffene nicht alleine ist.
• Falls alle genannten Bemühungen nicht ausreichen: Hab keine Hemmungen, den Notarzt oder die Polizei zu rufen und eine Klinik-Einweisung anzubahnen: Der Betroffene braucht dringend Hilfe. Lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu wenig!

Lieber Andi, das sind — kurz zusammengefasst — die mir am wichtigsten erscheinenden Informationen zu dem traurigen Thema. Wenn du noch Fragen hast, dann gerne einfach per Mail an mich!

Alles Liebe, Christine