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Mut zu einer neuen Partnerschaft

Von Christine Pernlochner-Kügler | Nach welcher Frist ist es familiär und gesellschaftlich angemessen, nach einem Todesfall eine neue Partnerschaft einzugehen? Nach exakt der Frist, die einem selbst entspricht!

Liebe Christine,

nach jahrelangem Leiden ist meine Frau vor einem halben Jahr verstorben. Unsere drei gemeinsamen Söhne sind 20, 15 und sechs Jahre alt. Eine gemeinsame liebe Freundin, die sich auch früher schon oft um die Kinder gekümmert hat, wenn meine Frau im Krankenhaus war, war mir immer eine große Stütze. Wir haben die langen Jahre des Hoffens und Leidens miteinander geteilt und sind uns nun so nah gekommen, dass wir einander gern Partner sein möchten. 

Wir sind uns aber ganz unsicher, welche Zeitspanne angemessen ist, um eine solche Beziehung offen zu leben — und wir haben auch Angst, dass die Buben das wie einen „Verrat“ an der Mama auffassen könnten (ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen Vorurteilen, die damit noch verbunden sein werden). Hast du einen Rat für uns?

Liebe Grüße,
Gerald

Lieber Gerald,

das Trauerjahr – ich habe schon einmal ausführlich darüber berichtet – ist nichts anderes als ein Konstrukt, das auf die Römische Rechtsprechung zurückgeht. Es war lediglich die Frist, innerhalb derer eine Witwe nicht wieder heiraten durfte, um weiterhin bestimmte staatliche Zuwendungen zu erhalten. Zum Beispiel erhielten Witwen früher in Österreich nur dann ein Jahr lang das Gehalt des Mannes weiterbezahlt, wenn sie innerhalb der ersten sechs Monate nach dessen Tod nicht wieder heirateten (ausführlich dazu hier zu finden).

Heute weiß man, dass Menschen sehr unterschiedlich trauern und dass die Vorschrift, ein Trauerjahr einzuhalten dem Verarbeitungsprozess eher hinderlich als förderlich ist, weil damit falsche Vorstellungen von dem, was Trauer ist und wie man sich in der Trauer zu verhalten hat, erzeugt werden.

Als Prozess dient Trauer dazu, den Schmerz zu verarbeiten und diese Verarbeitung sieht von Mensch zu Mensch anders aus. Einerseits haben trauernde Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Bewältigungsstrategien, andererseits dauert der Trauerprozess von Mensch zu Mensch verschieden lang. Manche brauchen nur ein paar Monate dafür, andere Jahre.

Bis vor einigen Jahren war man auch in der Trauerpsychologie der Ansicht, dass man erst nach abgeschlossenem Trauerprozess wieder beziehungsfähig sei. Diese Ansicht geht auf ein Trauerkonzept von Sigmund Freud zurück, der der Meinung war, dass man die Libido (die Liebesenergie) zuerst vom Verstorbenen abziehen muss, bevor man sie wiederum auf eine neue Person richten kann. Von diesem Freud‘schen Konzept rührt auch der Mythos vom Loslassen her: Man müsse den Verstorbenen „loslassen“, um „darüber hinwegzukommen“, hört man heute immer noch häufig. Das stimmt aber nicht: Neuere Forschungen zeigen, dass der Mythos vom Loslassen mehr Druck erzeugt denn hilft. Tatsächlich geht es bei der Trauer nicht darum, etwas hinter sich zu lassen, abzulegen oder loszulassen, sondern darum, dass man den

Lebenswert

Verlust zu akzeptieren lernt, die Beziehung zum Verstorbenen verändert und dadurch wieder nach vorne schauen kann.

Ich formuliere es immer so: Es geht darum, die Beziehung zum verstorbenen Menschen in eine Erinnerungsbeziehung zu verwandeln. Über die Erinnerung darf die Beziehung bestehen bleiben, der Verstorbene bleibt ja wichtiger Teil des vergangenen Lebensabschnittes, aber nun gilt es, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Dabei bleibt für viele Hinterbliebene der Verstorbene aber noch geraume Zeit ein innerer Begleiter oder ein Begleiter, der aus dem Jenseits schützend über die Hinterbliebenen wacht.

Nun zu deiner Frage welche Zeitspanne angemessen ist, um deine neue Beziehung offen zu leben:

Es gibt keine Zeitspanne, die einzuhalten ist, bevor man eine neue Beziehung eingeht. Die Gründe für eine neue Beziehung sind auch nicht außerhalb von dir zu suchen, sondern ausschließlich in dir: Nicht Regeln, Normen und Konventionen sollten ausschlaggebend sein, sondern einzig und allein die Frage, ob du bereit bist, eine neue Beziehung einzugehen. Und diese Frage sollte sich natürlich auch deine Freundin stellen. Ich lese aus deiner Frage heraus, dass ihr die Frage für euch beide schon positiv beantwortet habt. Auch wenn bei beiden von euch Unsicherheit mitschwingt: Es spricht nichts gegen einen Versuch. Es gibt schließlich keinen guten Grund, nicht wieder glücklich sein zu dürfen.

In jedem Fall aber sollt ihr eure Beziehung offen leben. Ein Verrat an deiner Familie — und wenn du so willst, auch an deiner verstorbenen Frau — findet dann statt, wenn diese Beziehung aus Gründen falscher Trauermoral geheim gehalten wird. Verheimlichen, Vertuschen und Lügen sind Gift für eine Beziehung und auch Gift für deine Beziehung zu deinen drei Söhnen. Offenheit und das Vertrauen, dass deine Söhne die neue Beziehung akzeptieren werden, bilden eine gesunde Voraussetzung für diese neue Familienkonstellation.

Wenn deine Frau als Mutter deiner Söhne und als deine verstorbene Frau in der Familie weiterhin einen Platz haben darf, wenn sich alle an sie auf ihre persönliche Art und Weise erinnern dürfen, wenn die Verstorbene nicht totgeschwiegen wird, aber auch nicht dauernd zwischen dir und deiner neuen Partnerin steht, dann wird es euch gelingen, mit der neuen Situation umzugehen. Vielleicht brauchen deine Söhne ein bisschen Zeit, Geduld und einige Gespräche. Hilfreich sind sicher regelmäßige gemeinsame Rituale des Erinnerns an die verstorbene Mama, aber ich bin sicher, dass es auch für deine Söhne richtig und wichtig ist, dass es dir gut geht, dass du nach vorne blickst und nicht dauernd zurück. Schließlich kannst du ihnen nur die Unterstützung geben, die sie brauchen, wenn sie dich so sein lassen, wie du bist – mit all deinen Bedürfnissen.

Das, was „die anderen dazu sagen“, kann dir egal sein. Ob du bis an dein Lebensende trauernder Witwer bleibst oder „jetzt schon“ eine neue Partnerin hast, ist einerlei. Wenn die anderen reden wollen, reden sie so oder so.

Alles Liebe und: Nur Mut!
Christine